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Lourdes

Lourdes

Drama. Deutschland, Frankreich, Österreich 2009. 96 Minuten.

Regie: Jessica Hausner
Mit: Sylvie Testud, Léa Seydoux, Bruno Todeschini

Die gelähmte Christine fährt nach Lourdes - eher aus Langeweile denn aus Hoffnung. Und dann ist genau sie es, die plötzlich wieder gehen kann ... Jessica Hausners international preisgekrönter Film über die Anatomie eines Wunders.

Filmstart: 11. Dezember 2009

Christine (Testud) ist eine junge, hübsche, kluge Frau. Und sie ist vom Hals abwärts gelähmt. Christine hat Multiple Sklerose, sitzt im Rollstuhl und ist von früh bis spät auf fremde Hilfe angewiesen. Auf die perfekt durchorganisierte Gruppen-Pilgerfahrt nach Lourdes fährt sie weniger aus Glaubensgründen mit, sondern weil diese Reisen mit Rundumbetreuung für eine Schwerbehinderte wie sie die einzige Möglichkeit bieten, endlich mal wieder aus ihrer Wohnung rauszukommen. Der Fernseher und der Blick aus dem Fenster sind auf die Dauer nicht abendfüllend - sogar der triste Billighotel-Speisesaal mit der 08/15-Verpflegung auf praktischen Menütellern ist eine willkommene Abwechslung von ihrem tristen 1-m2-Alltag. Schwestern, uniformierte Helfer und junge Volontärinnen des karitativen Malteserordens begleiten die Gruppe, und Christine ist nicht die einzige "Wiederhölungstäterin" auf dieser Reise. "Kennen wir uns nicht aus Rom?" lächelt sie Kuno (Bruno Todeschini), einen der "Ritter" an. Der grüßt freundlich-indifferent zurück. Vier Tage dauert der Aufenthalt, der Stundenplan ist streng geregelt. Geduldig macht Christine alle Stationen mit: die Grotte, die Quelle, die Beichte, die Kirche. Sie redet wenig, beobachtet viel, wie etwa die Verzweiflung einer mitreisenden Mutter (Petra Morzé) über die völlige Apathie ihrer Tochter, oder die beinharte Selbstdisziplin der fast unirdisch schönen und immer ernsten Gruppenleiterin Schwester Cécile (Elina Löwensohn) - oder den Flirt zwischen einer Volontärin (Léa Seydoux) und dem schnittigen Kuno, der ihr selber gut gefiele. Wenn. Wenn sie eine normale Frau mit einem normalen Leben wäre. "Welches Leben ist schon normal", fragt der Pfarrer. Und plötzlich, ohne viel Vorwarnung, kann Christine wieder gehen. Ein Wunder! Ein echtes Wunder! Christine lässt den Rollstuhl stehen, macht erste, ein wenig unsichere Schritte, dann sogar eine kleine Tour auf den Berg. Sie ist überglücklich, ihre Mitreisenden weniger: Warum ausgerechnet sie, die nicht mal "richtig" gläubig ist?

Der Wiener Filmpreis, gleich vier Preise (darunter der Preis der Fipresci-Jury) beim Filmfestival in Venedig, hymnische Kritiken: Jessica Hausners erster filmischer Auslandsausflug ist nicht nur die berührende Geschichte einer jungen Frau, sondern auch die ebenso beinhart-liebevolle Analyse des menschlichen Wesens in der Gruppe. Christine und ihre Mitreisenden sind so scharf und detailreich porträtiert, das man sie nach wenigen Minuten alle total gut zu kennen glaubt, man schämt sich für ihre unverhohlenen Unzulänglichkeiten, verfolgt jede ihrer Äußerungen mit diebischem Interesse, so wie man seine Nachbarn beobachtet, um dann mit seinen Freunden über sie zu lästern - und sich damit fröhlich in die eigene Falle stellt. Hausner zeichnet präzise nach, wie innere Überzeugung und äußerer Anschein aufeinanderprallen, wenn etwas Unerwartetes geschieht - und auch hier darf am Ende die Liebe siegen, über Neid, Missgunst und Ignoranz. Nur die Zeit, die hält auch sie nicht auf.

Text:  Gini Brenner

Credits

Titel Lourdes
Originaltitel Lourdes
Genre Drama
Land, Jahr Deutschland/Frankreich/Österreich, 2009
Länge 96 Minuten
Regie Jessica Hausner
Drehbuch Jessica Hausner
Kamera Martin Gschlacht
Schnitt Karina Ressler
Produktion Martin Gschlacht, Philippe Bober, Susanne Marian
Darsteller Sylvie Testud, Léa Seydoux, Bruno Todeschini, Petra Morzé
Verleih Stadtkino

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

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