Filminfo zu

Lovely Rita

Lovely Rita

Drama. Deutschland, Österreich 2001. 88 Minuten.

Regie: Jessica Hausner
Mit: Barbara Osika, Christoph Bauer, Peter Fiala

Ihr trotziges und unverschämtes Handeln machen die 15-jährige Rita zur Außenseiterin, ihr unbändiges Verlangen nach Liebe und Zuwendung endet in einem Desaster. Ein Beitrag Österreichs zu Cannes 2001.

Ritas Welt kommt ohne Worte aus. Ihre Kommunikation besteht aus Blicken, Nicken, Schweigen, Schulterzucken. Rita ist Teenager. Sie lebt mit ihren Eltern in einem Häuschen an der Peripherie. Oder was halt 'leben' so heißt, wenn die Welt an einem vorbei fließt wie ein Film, zu dem man keine Eintrittskarte hat.
Ritas Vater kann es nicht leiden, wenn sie am WC den Klodeckel oben lässt. Das hat er ihr schon tausendmal gesagt. Immer wenn er aufs Klo kommt und der Deckel ist oben, sperrt er Rita in den Keller, damit sie es sich merkt. Rita lässt den Deckel jedes Mal oben, wenn sie auf dem Klo war.
Die Schule ist wie ein fremder Planet, auf dem sich allerhand niedere Lebensformen tummeln. Menschen, kaum interessanter als große Insekten, lästig sind sie, manchmal aggressiv, aber nicht sonderlich gefährlich. Ihre Stiche tun nicht weh, es juckt ein wenig, aber nicht lange. Das einzig Blöde an der Schule ist, dass da soviel Zeit draufgeht. In der Früh spuckt dich der Bus in ihre Arme, dann beginnt die Betäubung und bis zum Abend weißt du gar nicht mehr, was du mit dem Tag eigentlich anfangen wolltest.
Rita ist einsam. Und weil sie menschliche Wärme sucht, bleibt sie eines Tages im Bus einfach sitzen. Fährt die ganze Tour mit. Am nächsten Tag auch. Solange bis der Fahrer merkt, dass da eine sitzt, die was von ihm will. Er gibt ihr die Hälfte seiner Wurstsemmel. Das ist ein Anfang. Am Abend geht sie mit ihm in die Disco. Heimlich. Im Klo will er sie ficken. Rita lässt ihn. Aber eigentlich ist er eh viel zu alt für sie.
Das Alter ist das Dilemma. Die neuen Nachbarn haben einen Buben, mit dem Rita echt gut auskommt, aber der ist wiederum zu jung für sie. Dabei geht es hier gar nicht um Sex, sondern mehr um Zuneigung, aber das ist jetzt auch nicht mehr wichtig. Einmal lagen sie zusammen im Bett, dabei hat sie seine Mutter überrascht. Krisensitzung, nur die Erwachsenen waren geladen. Seitdem darf sie ihn nicht mehr treffen. Er hat Asthma. Oft steht beim Nachbarn der Krankenwagen vor der Tür. Rita wartet beim Fenster und schaut zu.
Es ist Zeit zum Abendessen. Rita geht in den Keller, um den Vater zu holen. Danach wird nichts mehr so sein, wie es vorher war.
Die Welt schaut anders aus, wenn man sie mit den Augen eines Teenagers sieht. Kälter, schärfer, kompromissloser, einsamer. Im Kino kann man sich diesem fremden Universum so annähern wie in American Pie (Kicher!), so wie in The Hole (Kreisch!), oder so wie Jessica Hausner es tut. Lakonisch, aber mit einem unbeirrbaren Blick auf die wesentlichen Momente erzählt sie in ihrem Spielfilmdebüt (das im Übrigen ausschließlich von Laienschauspielern besetzt ist) vom Alltag, der immer nur einen winzigen Hauch neben der Katastrophe liegt.
"Es hat damit begonnen, dass ich einen Fall finden und eine Geschichte machen wollte über ein Mädchen, das einen Mord beging", sagte sie in einem Interview, als Lovely Rita mit großem Erfolg im offiziellen Teil der Filmfestspiele von Cannes lief und dort als weiterer Beweis für die Renaissance der österreichischen Filmproduktion aufgenommen wurde. "Es gibt ein Klischee von Mördern, dass es meistens junge Männer sind. Frauen sind seltener Mörder. Mich hat der Gegensatz einerseits junges Mädchen und andererseits extreme Gewalttat interessiert. Ich habe am Jugendgerichtshof recherchiert und stieß auf diesen Fall, der am ehesten zutraf, von einem jungen Mädchen aus gutem Haus, das in die Klosterschule ging, in einem Einfamilienhaus lebte, eigentlich alles o.k. war. Sie hat dann ihre Eltern erschossen. Ich hab die ganzen Unterlagen, die Interviews, die psychologischen Gutachten analysiert, die immer wieder von Umständen in der Familie sprechen - ein autoritärer Vater und eine ziemlich meinungslose Mutter, Pubertät und erster Freund, Schule schwänzen und immer Nein sagen. Dass sie dann ihre Eltern umbringt, ist, glaub ich, zum Teil auch ein Zufall gewesen. Die Waffe vom Vater ist auf der Küchenkredenz herum gelegen, es gab gerade einen Streit und sie hat die Waffe genommen und abgedrückt. Das ist einer der wesentlichen Punkte, worum es mir bei Lovely Rita geht: Diese Mischung aus Absicht und Zufall, dass die Grenzen verschwimmen und dass sich das ganze Geschehen einer Beurteilung entzieht. Es ist nicht mehr einteilbar in Richtig und Falsch."

Credits

Titel Lovely Rita
Originaltitel Lovely Rita
Genre Drama
Land, Jahr Deutschland/Österreich, 2001
Länge 88 Minuten
Regie Jessica Hausner
Drehbuch Jessica Hausner
Kamera Martin Gschlacht
Schnitt Karin Hartusch
Produktion Susanne Marian, Antonin Svoboda, Barbara Albert, Gerhard Hannak
Darsteller Barbara Osika, Christoph Bauer, Peter Fiala, Wolfgang Kostal
Verleih Polyfilm

Bewertung

Humor  
Action  
Spannung  
Anspruch  
Romantik  
Erotik  

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.