Crashkurs

Interview mit Charles Ferguson zu Inside Job

Charles Fergusons Oscar-gekrönte Doku entlarvt den Wall-Street-Crash 2008 als direktes Produkt von Gier und Gewissenlosigkeit. SKIP traf den 46-jährigen Filmemacher in Cannes.

SKIP: Seit es die Marktwirtschaft gibt, gibt der Profit den Ton an. Sind Katastrophen wie der jüngste Börsencrash nicht seit je her part of the game?

Charles Ferguson: Nicht so. Diese Art des wirtschaftlichen Raubrittertums ist relativ neu – die gibt es erst seit ungefähr 30 Jahren. Noch nie zuvor war die Korruption des politischen und des Bildungssystems so weit fortgeschritten. Heute ist nicht nur die Regierung, sondern sind auch alle großen Universitäten fest in der Hand der großen Corporations.

SKIP: Was haben Sie gedacht, als Sie herausgefunden haben, dass die Welt von Leuten regiert wird, die unverantwortlich mit dem Geld anderer spielen?

Charles Ferguson: Die Hochfinanz ist eine ziemlich wilde Welt, sehr fremd und seltsam. Manchmal bin ich mir vorgekommen, als ob ich von einem anderen Planeten käme.

SKIP: Wie ging es Ihnen dabei, die Verantwortlichen der Krise zu konfrontieren?

Charles Ferguson: Manchmal hat es mich aufgeregt, meist geärgert, aber ich habe mich bemüht, ruhig zu bleiben. Wenn man zu emotional wird, dann kann man nicht mehr klar denken. Außerdem hat es Spaß gemacht, diese Leute zu verunsichern.

SKIP: War es eigentlich nicht schwierig, diese Leute zu Interviews zu bewegen? Oder sind sich die ihrer Schuld gar nicht bewusst?

Charles Ferguson: Ich glaube schon, dass die alle wissen, dass sie was ganz, ganz Schlimmes gemacht haben. Trotzdem haben fast alle sofort eingewilligt. Das hat mich sehr überrascht. Ich denke, es geschah hauptsächlich aus Eitelkeit: Ich glaube, diese Leute gingen deshalb so weit, weil sie nie in Frage gestellt werden. Sie haben einfach nicht damit gerechnet, dass mal jemand tatsächlich etwas Kritisches fragen würde.

SKIP: Wollte niemand von denen den Film nachträglich aufhalten?

Charles Ferguson: Ich habe eine Menge Briefe gekriegt von Leuten, die ihre Einverständniserklärung nachträglich widerrufen wollten. Ihr Pech.

Interview: Gini Brenner / Mai 2010

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