Bonjour Tristesse

Interview mit Jessica Hausner zu Lovely Rita

Lovely Rita, die Geschichte eines Teenagers auf Sinnsuche, lief in Cannes im offiziellen Wettbewerb und ist ein weiterer spannender Beitrag zum neuen österreichischen Kino.

SKIP: Du hast Lovely Rita auf Video gedreht. Warum?

Jessica Hausner: Filmen ist für mich immer ein bisschen wie Forschungsarbeit. Erst wenn ich eine Szene inszeniere, merke ich, wie sie aussehen muss. Ich drehe meistens sehr viel, und beim Schnitt landen dann große Mengen in der Mülltonne. Das ist fast nur mit Video finanzierbar.

SKIP: Wann spielt dein Film? Von der Optik her ist das nicht so ganz klar ...

Jessica Hausner: Für mich sieht die Wirklichkeit eben so aus: Die Stile der unterschiedlichsten Epochen existieren nebeneinander. Wenn du heute in eine Bank gehst, sitzen dort teilweise Kassierinnen, die von ihrem Look her direkt aus dem Jahr 1975 kommen könnten. Das Kino gaukelt meistens ein viel zu homogenes Stil-Bild vor. Die Realität ist da viel willkürlicher.

SKIP: Warum hast du dich ausschließlich für Laiendarsteller entschieden?

Jessica Hausner: Das hat sich erst beim Casting ergeben. Bei den Laien hat sich einfach das bessere Gefühl eingestellt, weil ihr Spiel etwas Plumperes, eben weniger Perfektes hatte. Ich wollte keine glatte Oberfläche. Von Schauspielern bekomme ich immer etwas Geformtes, Präzises. Das wollte ich bei Lovely Rita nicht.

SKIP: Die "Lovely Rita" wohnt in einem Einfamilienhaus in einem Wiener Außenbezirk. Diese Szenerie scheint ja mittlerweile zum zentralen Thema des österreichischen Films zu werden ...

Jessica Hausner: Bei der Motivsuche habe ich auch oft gedacht, ich bin in einem Ulrich-Seidl-Film (lacht). Wir haben uns eigentlich auf gutbürgerliche Einfamilienhäuser in Wien Hietzing konzentriert, aber auch dort findet man drinnen überall diese heute alles beherrschende, gräßliche Möbel-Leiner-Ästhetik ...

SKIP: Glaubst du, diese dominanten Geschmacklosigkeiten im alltäglichen Leben sind etwas speziell Österreichisches?

Jessica Hausner: Ich fürchte ja. Eine Wiener Freundin von mir hat jetzt ein Jahr in Rom gelebt. Sie hat mir erzählt, wie berührt sie davon war, dass es ein Land auf der Welt gibt, wo der Alltag einfach schön aussieht – die Häuser, die Menschen. Und dass in den Restaurants gutes Essen serviert wird (lacht). Ich habe mich stets dagegen gewehrt, in vielen Gegebenheiten was speziell Österreichisches zu sehen. Inzwischen glaube ich aber auch daran (lacht). Dieses Sado-Maso-Ding z. B. ist in der österreichischen Seele einfach unleugbar stark ausgeprägt – das Selbstquälerische, das gegenseitige Fertigmachen und das Lieder übers Sterben singen beherrschen wir einfach am besten (lacht). Die gute Seite davon ist das Selbstreflexive: Dadurch können wir den Finger manchmal genau auf den wunden Punkt legen. Das ist für mich das Spannende bei Filmen: Wenn Abgründe gezeigt werden und nicht immer so getan wird, als ginge es uns allen so gut.

SKIP: Warum läuft es momentan so prächtig mit dem österreichischen Kino? Sind die Produkte einfach so viel besser als früher, oder ist es eher das besser funktionierende Networking?

Jessica Hausner: Sicher beides. Als ich auf der Filmkademie angefangen hab, war die Perspektive noch eher trostlos. In meinem Jahrgang gab es aber eine ausgezeichnete Chemie. Zwei Kollegen von damals, Barbara Albert und Antonin Svoboda, haben ja dann auch mit Martin Gschlacht und mir die Produktionsfirma Coop 99 gegründet. Wir haben uns einfach gegenseitig immer bestärkt, dass es möglich sein muss, auch bei uns spannendes, wahrhaftiges Kino zu machen. Jedenfalls gibt es jetzt international eine überproportionale Aufmerksamkeit für österreichische Filme. Ich hoffe, das bleibt so.

Interview: Mai 2001

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