Die Krücken nieder!

Interview mit Pierre Richard zu Und wenn wir alle zusammenziehen?

In Und wenn wir alle zusammenziehen? spielt Pierre Richard einen Alzheimerkranken Mann, der mit Jane Fonda verheiratet ist. Im wirklichen Leben hat der 77-Jährige eine wesentlich jüngere, bildschöne Brasilianerin zur Frau - und noch lange nicht vor, alt zu sein.

SKIP: Sie haben in dem Film das Glück, mit ganz besonderen Kollegen zusammenzuarbeiten, Géraldine Chaplin, Jane Fonda, Guy Bedos - wie ist es denn, Jane Fonda einen Film lang zur Ehefrau zu haben?

Pierre Richard: Als ich hörte, dass sie meine Frau spielen würde, bin ich vor Schreck aus meinem Lehnstuhl gefallen (lacht)! Unerwartet für mich war allerdings, dass Jane vor dem Dreh viel nervöser war als ich, und zwar, weil sie schon sehr lange nicht mehr auf französisch gespielt hatte. Sie fragte mich vor den Dreharbeiten, ob ich bereit wäre, alle Szenen mit ihr gemeinsam durchzugehen, und da wusste ich, dass ich gar keine Angst zu haben brauchte. Die Zusammenarbeit hat wunderbar funktioniert, sie ist ein unglaublich großzügiger Mensch und sehr fleißig.

SKIP: Als Sie das Drehbuch gelesen haben, hätten Sie diese Rolle für sich ausgesucht?

Pierre Richard: Ja, ich finde, die Rollen sind perfekt auf uns verteilt. Wenn man uns kennt, passt alles gut zusammen: Guy Bedos zum Beispiel interessiert sich auch im wirklichen Leben sehr für Politik und war immer eher militant, also war klar, dass diese Rolle an ihn ging. Ich hingegen habe mein Leben lang immer Männer gespielt, die zerstreut durchs Leben gehen, und ich habe diese Zerstreutheit auch ein wenig in mir. Der Mann, den ich spiele, verliert sich durch Alzheimer allmählich selbst, und damit habe ich zum Glück keine Erfahrung, aber sonst finde ich mich durchaus in ihm wieder.

SKIP: Ursprünglich hätte der Film ja Die Alten heißen sollen, doch Claude Rich hatte sich geweigert, das Drehbuch unter diesem Titel auch nur zu lesen. Ging es Ihnen auch so?

Pierre Richard: Ich mochte den alten Namen auch nicht, ich finde den aktuellen Titel viel treffender. Die Alten, das klingt doch ziemlich abwertend, da hat man ja sofort das Bild von alten Leuten vor Augen, die im Rollstuhl herumsitzen und dahinvegetieren. Dabei geht es hier ja um Menschen, die lachen und essen und trinken und Liebe machen, und die eben auch alt sind.

SKIP: Es ist doch lustig, dass im Film ausgerechnet Daniel Brühl den erwachsensten von ihnen allen spielt.

Pierre Richard: Sie haben völlig recht, wir sind wie fünf alte Kinder, Menschen voller Verrücktheiten und Eigenheiten. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es eine ziemlich ungewöhnliche Idee ist, die Entscheidung zu treffen, wirklich zusammenzuziehen und gemeinsam alt zu werden.

SKIP: Ist das Konzept WG etwas, das Sie sich selbst vorstellen könnten?

Pierre Richard: Ich finde die Idee sehr reizvoll, allerdings nur, wenn das wirklich mit den besten Freunden der Welt passiert. In einer Wohnung zusammenzuleben, das ist ja wie bei einer Bootsreise, das würde ich auch nur mit ganz engen Freunden machen. Aber der Gedanke, dass, wenn jemand aus der Runde stirbt und sein Partner oder seine Partnerin dann immer noch im Kreis der Freunde aufgefangen wird, ist sehr tröstlich - ein schöner Gegenentwurf zum Altersheim.

SKIP: Haben Sie sich als junger Mensch Ihr Altsein so vorgestellt?

Pierre Richard: Ich weiß nicht, ob mich das vielleicht beunruhigen soll, aber ich fühle mich immer noch nicht alt. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich nie besonders erwachsen war, und dafür braucht man wohl Talent. Die meisten meiner Freunde sind um die vierzig, und oft haben sie Schwierigkeiten, mir zu folgen. Manchmal holt mich die Wirklichkeit ein, und dann denke ich mir: Das ist doch nicht möglich, dass ich wirklich schon so alt bin! Aber dann versuche ich, das so schnell wie möglich zur Seite zu schieben.

SKIP: Das mit der Würde und der Weisheit des Alters ist also nicht so Ihre Sache?

Pierre Richard: Nein, nicht wirklich! Es gibt schon Leute, die darin gut sind, aber ich gehöre nicht dazu. Das ist etwas, das ich immer wieder Menschen rate: dass es ganz wichtig ist, etwas aus seiner eigenen Kindheit zu bewahren, und dass man seine Neugierde nicht verlieren darf. Wenn man nicht mehr neugierig ist, kann man genausogut sterben.

SKIP: Das klingt ja doch fast nach Weisheit!

Pierre Richard: Hm? Ach wo, das ist doch keine Weisheit, das ist nur eine kleine Bemerkung (lacht).

Interview: Magdalena Miedl / Mai 2012

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