Die Faszination des Bösen

Interview mit Cédric Kahn zu Roberto Succo

Cédric Kahns Cineasten-Thriller Roberto Succo ist das einfühlsame Porträt eines Mörders und Vergewaltigers. Peter Krobath traf den Regisseur in Cannes zum Interview.

SKIP: Den Fall des Mörders Roberto Succo hat es wirklich gegeben. Wieviel ihres Films beruht auf historischen Fakten, was davon ist künstlerische Freiheit?

Cédric Kahn: Natürlich beruht alles auf wahren Tatsachen, aber die Fakten wurden natürlich auch überarbeitet, sozusagen in die Sprache des Kinos transformiert. Wenn man aber im Rahmen dieser Möglichkeiten bleibt, ist alles so wahr wie es nur geht.

SKIP: In Italien wurde Roberto Succo nach seiner Verhaftung von manchen Kreisen wie z.B. den linksradikalen Anhängern des Fußballvereins von Mestre als politischer Held, quasi als Vorzeige-Anarchist gefeiert. Sie sagten, dass ihr Film keinen Helden aus ihm machen wollte. Warum? Wäre gerade nicht auch dieser Heldenmythos Teil seiner Geschichte gewesen?

Cédric Kahn: Mir ging es vor allem um die Beschreibung der Zeit, die Roberto Succo in Frankreich verbrachte - das sieht man im Film. Da war er noch kein Held. Aber die Szenen gegen Ende, als er in Italien vor den Journalisten aufs Gefängnisdach klettert und sich feiern lässt, kommen doch auch vor. Aber sehr distanziert, eben nur wie sie damals von Außenstehenden gesehen wurde. Mehr Manifestationen gab es nicht. Der Rest ist Mythos, ich halte mich an die Wahrheit. Schon allein aus Respekt vor Succos Opfern, wollte ich zwei Dinge unbedingt vermeiden: Succo sollte kein Opfer der Gesellschaft werden, aber auch kein blutrünstiges Monster. Mein Gefühl sagte mir, dass beide Darstellungen einen Helden aus ihm gemacht hätten. Ich wollte objektiv bleiben, mich an die Fakten halten und seinen Wahnsinn dokumentieren. Aber Fiktion ist nicht objektiv. In einem Spielfilm kann der größte Drecksack liebenswert erscheinen. Ich musste also sehr vorsichtig sein.

SKIP: Warum wollten Sie über diesen Menschen einen Film drehen?

Cédric Kahn: Das ist eine große Frage, darauf gibt es viele Antworten. Am meisten hat mich Roberto Succo wohl interessiert, weil er nicht typisch für unsere Gesellschaft ist. Wenn er ein ganz normaler Mörder gewesen wäre, hätte er mich sicher nicht interessiert. Aber eigentlich ist das gar keine Frage für mich, sondern eine Frage für den Film. Wenn der Film diese Frage nicht beantworten kann, dann ist er schlecht, tut mir leid.

SKIP: Für mich ist Roberto Succo nicht nur das Porträt eines Serienkillers, es ist auch die Beschreibung einer kollektiven Angst. Robert Succo verkörpert das Böse, das wir aus unserer Gesellschaft nicht ausschließen können, so sehr wir uns auch darum bemühen mögen ...

Cédric Kahn: Ja, das stimmt wohl. Mehr als das Verbrechen an sich hat mich unsere Beziehung zum Verbrechen interessiert. Warum lesen wir so gerne Geschichten über Mörder und Verbrecher? Das ist eine Faszination, die tief in uns allen schlummert. Ich glaube, Menschen wie Roberto Succo faszinieren uns, weil wir sie nicht verstehen. Es gibt keine Erklärung für das, was sie tun.

SKIP: Aber warum soll das Leben eines Mörders interessanter sein als das Leben eines normalen Menschen?

Cédric Kahn: Ist es doch gar nicht. Ich habe in meinen Filmen auch schon die Geschichten von ganz normalen Menschen erzählt. Nur diesmal bin ich eben bei einem Mörder gelandet. Aber das lässt sich nicht verallgemeinern.

SKIP: Wenn Hollywood eine Geschichte wie Roberto Succo erzählt, stehen rasanten Verfolgungsjagden und wilden Schießereien im Mittelpunkt der Handlung. Aber in ihrem Film nehmen derlei Genreversatzstücke nur einen sehr kleinen Teil der Geschichte ein.

Cédric Kahn: Sicher, die Amerikaner hätten jeden seiner Morde bis ins kleinste Detail ausgeleuchtet, aber das hat mich nicht interessiert. All das war doch schon so oft zu sehen, was hat es für einen Sinn, wenn man das immer wieder und wieder und wieder zeigt? Ich wollte mich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen, es lag nie in meiner Absicht, ein Spektakel zu inszenieren.

SKIP: Hat ihr Schauspieler Stefano Cassetti irgendeine Ähnlichkeit zum echten Roberto Succo?

Cédric Kahn: Nein überhaupt nicht. Aber die Augen sind gleich. Die beiden haben denselben stechend klaren Blick. Das ist alles.

SKIP: Warum nimmt die Beschreibung der Landschaft einen so großen Teil in ihren Film ein?

Cédric Kahn: Roberto Succo war sehr oft alleine. Er hat im Freien geschlafen, er hat sich in den Wäldern rumgetrieben, das ist ein wichtiger Aspekt seiner Geschichte. Er zog von Ort zu Ort, die Jahreszeiten wechselten. Er wirkt wie ein Tier. Zum Beispiel war ihm nie kalt, das hat er im Polizeiverhör gesagt.

SKIP: Glauben Sie, dass es Momente gab, wo Roberto Succo in Frankreich glücklich war?

Cédric Kahn: Vielleicht hat seine Freundin Léa wirklich Gefühle geweckt, die tief in ihm schlummerten. Aber ich denke, seit er seine Eltern getötet hat, war er nicht mehr von dieser Welt, er stand einfach außerhalb. Aber ob er glücklich war? Was heißt das schon. Glück ist eine Illusion. Vielleicht hatte er diese Illusion.

Interview: Mai 2001

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