Wahn und Magie

Interview mit Hans Weingartner zu Das weiße Rauschen

Großes Lob für ein kleines Projekt. Der österreichische Filmemacher Hans Weingartner erhielt für das weisse rauschen den begehrten Max Ophüls-Preis 2001. Catherine Holzer traf den Autor/Kameramann/Regisseur zum Gespräch.

SKIP: In das weisse rauschen lösen Drogen bei dem Protagonisten Lukas eine Psychose aus. Welche Drogen waren dabei im Spiel?

Hans Weingartner: Zuerst kiffen die WG-Bewohner, der eigentlicher Auslöser sind aber Psylocibin-Pilze. Psychodelische Drogen, Halluzinogene. Das ist eine gefährliche Sache, denn wenn man die Disposition zur Schizophrene hat, dann können diese Drogen eine Psychose auslösen.

SKIP: Trotzdem ist die Botschaft deines Films nicht 'Hände weg von Drogen!'

Hans Weingartner: Ich denke, dass der Film durchaus verständlich macht, welche verschiedenen Ursachen Lukas Wahnsinn hat. Das ist einerseits plötzlich in der großen Stadt zu sein, dann das Erwachsen werden, eine schwierige Lebensphase Anfang 20 und dann der Selbstmord seiner Mutter. Das schizophrene Basissyndrom wird tatsächlich vererbt.

SKIP: Lukas versucht mit seiner Intelligenz die Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen ...

Hans Weingartner: Genau. Er versucht die Stimmen rational in den Griff zu kriegen. Das habe ich der Realität entnommen. Warum höre ich Stimmen? Meistens ist es auch so, dass die Betroffenen versuchen, das zu verheimlichen, weil es in unserer Gesellschaft immer noch ein Stigma ist, als verrückt zu gelten. Verrückt zu sein ist immer noch viel schlimmer als körperlich behindert zu sein. Die erste Phase ist die Verdrängung. Die zweite Phase ist die, dass man in der Umgebung die Ursachen zu finden und Leute beschuldigt. Die dritte Phase ist das Aufgeben. Der Schizophrene bleibt dann völlig in seiner Wahnwelt gefangen und verliert vollkommen den Kontakt zur Realität. Dann wird's wirklich gefährlich.

SKIP: Wie bist du auf die Idee gekommen, das Thema Schizophrenie filmisch umzusetzen?

Hans Weingartner: Ich kenne jemanden, der seit 10 Jahren dieses Problem hat. Das hat mich dazu bewogen, diesen Film zu machen. Ich habe bemerkt, mit wieviel Unverständnis die Umwelt auf diesen Menschen reagiert. Ich habe es selbst jahrelang mit Unverständnis reagiert. Erst später hab ich mich während meines Psychologiestudiums mit Schizophrenie beschäftigt und habe angefangen zu recherchieren, bin in Kliniken gegangen und bin darauf gekommen, was für intelligente und hoch sensible Menschen Schizophrene eigentlich sind.

SKIP: Der Film verzichtet auf Maske, Kostüm und künstliches Licht. Ist das weisse rauschen ein Dogma-Film?

Hans Weingartner: Nein. Das hat nur geholfen, um Filmförderungen zu kriegen (lacht). Es war wichtig, den Ballast der Technik abzuwerfen und einfach nur eine gute Geschichte zu erzählen.

SKIP: Ich habe mir den Film etwas experimenteller vorgestellt. Aber das weisse rauschen ist kein Experimentalfilm.

Hans Weingartner: Nein. Ich finde Experimente dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Ich habe einfach klare Prioritäten. Nummer 1 ist : eine spannende Geschichte zu erzählen, die die Leute mitreißt. Nummer 2: filme von mir dürfen nie langweilig sein und Nummer 3 ist: ich probiere gerne neue Sachen aus, aber das Probieren selbst darf nie im Vordergrund stehen, denn die Geschichte steht im Vordergrund und die Schauspieler.

SKIP: Das Drehbuch hast du gemeinsam mit Tobias Amann und Matthias Schellenberg geschrieben ...

Hans Weingartner: Das ursprüngliche Treatment bestand aus 99 genau beschriebenen Szenen. Ganz am Anfang gab es auch ein ausgeschriebenes Drehbuch von 120 Seiten. Das hab ich dann weggeschmissen und verbrannt (lacht verschmizt). Nein natürlich nicht verbrannt. Der beste Schauspieler war Daniel Brühl im Alter von 21 Jahren. Wir haben das Drehbuch auf ihn zugeschrieben.

SKIP: Daniel Brühl ist als Hauptdarsteller sehr gut gewählt.

Hans Weingartner: Daniel hat die Magie. Er hat ein Geheimnis. Das macht ihn spannend und interessant. Man möchte wissen, was in ihm vorgeht. Daniel hat nach dem Film das weisse rauschen schon 3 Kinofilme angeboten bekommen. Er dreht jetzt einen Kinofilm nach dem anderen und ist in einer Topagentur für Schauspieler.

SKIP: Ich habe mich dabei ertappt, mir für den Film ein Happy End zu wünschen. Kann Lukas tatsächlich geheilt werden?

Hans Weingartner: Die Leute sollen die Geschichte im Kopf weiterspinnen. So war das gedacht. Kein Happy End, kein Bad End, sondern einfach ein offenes Ende. Die Stimmen in Lukas Kopf sagen ihm immer 'Such das weisse rauschen!' und am Schluß soll man Gefühl haben, dass er für sich sein weißes Rauschen gefunden hat.

Interview: Oktober 2001

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