Nullsummenspiel

Interview mit Terry Gilliam zu The Zero Theorem

Er findet die Gegenwart etwas unheimlich und die Zukunft bedrohlich - aber trotzdem ist der Ex-Monty Python Terry Gilliam bester Dinge, als er sein The Zero Theorem in Venedig präsentiert. Schuld daran ist vor allem Hauptdarsteller Christoph Waltz - in Venedig abwesend, aber sonst von großer Leinwandpräsenz.

SKIP: Christoph Waltz spielt in Ihrem Film nicht nur streckenweise nackt, sondern sogar ohne Haare. Wie sind Sie eigentlich auf ihn gekommen?

Terry Gilliam: Wir haben uns schon vor vielen Jahren getroffen und festgestellt, dass wir einmal zusammenarbeiten wollen, und bei diesem Film war es endlich so weit. Das Interessante war aber, dass er inzwischen quasi zu einem Kassenmagneten geworden war - was nur  zeigt, was für ein außergewöhnlicher Schauspieler er ist. Und mir hat die Idee gefallen, ihm Haare und Augenbrauen abzurasieren. Wenn Sie das mit einem Schauspieler tun, muss der wirklich gut sein, weil er seine Augenbrauen nicht mehr als Werkzeug zur Verfügung hat (lacht).

SKIP: Ihre Hauptfigur sucht nach dem Ursprung und dem Sinn des Lebens - ist das etwas, das Sie selber auch sehr beschäftigt?

Terry Gilliam: Diese Fragen stellen sich wohl alle ab und zu: "Woher kommen wir, wohin gehen wir, und warum verdammt nochmal?" Allerdings fühle ich mich in der modernen Welt auch zunehmend impotent, also jetzt im übertragenen Sinne. In den Sechzigern, also zu meiner Hochblüte, damals haben wir Dinge verändert, wir waren draußen auf der Straße, man konnte die Veränderung wirklich sehen und fühlen, es gab Feedback, und jeder merkte, dass sich etwas tut. Heute gibt es zwar auch noch Aktivismus, aber er scheint nichts mehr bewirken zu können gegen die Bastionen der Konsumwelt.

SKIP: The Zero Theorem ist ein Science-Fiction-Film, in dem ein Mann den Großteil seiner sozialen Kontakte über den Computer pflegt. Klingt eigentlich vertraut - aber bei Ihnen wirkt das bedrohlich.

Terry Gilliam: Ja, mir macht Sorgen, dass eine Menge Leute heute viele ihrer Beziehungen nur mehr in der virtuellen Welt pflegen, über den Computer, über das Telefon, über Twitter, und zwar mit Menschen, die sie in ihrem Leben noch nie getroffen haben. Das mögen spannende Bekanntschaften sein, aber wahrscheinlich würden sie sich total erschrecken, wenn sie einander jemals in Fleisch und Blut gegenüberstehen würden. Womöglich sehen sie ja gar nicht aus, wie sie vorgeben auszusehen!

SKIP: Wie geht es Ihnen persönlich mit den modernen Kommunikationstechniken? Sind Sie gut beim Abschalten, schaffen Sie es, den Computer und das Telefon gelegentlich auch abzudrehen?

Terry Gilliam: Klar, anders gibt es doch gar kein Überleben. Ich hab ein Haus in Italien, in Umbrien, oben auf einem Hügel, ohne Telefon, ohne Fernseher, ohne Internet, ohne nix. Und das ist toll, ich fahre da hin, und mir ist langweilig. Und es ist so großartig, sich gelegentlich zu langweilen, und keiner stört einen dabei! (lacht)

SKIP: Kehren Sie dann zurück zum Zeichnen?

Terry Gilliam: Aber nein, ich habe noch keinen einzigen kreativen Akt dort vollbracht, außer Steinmauern zu bauen und diverse handwerkliche Arbeiten. Ich fahre da hin, um mich von dem Irrsinn wieder zu beruhigen, in dem wir alle heute leben, mit unserer konstanten, endlosen Kommunikation.

SKIP: Sie klingen nicht sehr optimistisch.

Terry Gilliam: Ja, ich bin nicht mehr der Typ der ich in den Sechzigern war, ich bin erschöpft, wirklich müde. Ich habe nicht aufgegeben, aber ich weiß einfach nicht, was ich tun kann, um etwas zu verbessern. Ich meine, deswegen mag ich das Filmemachen, weil wir so viele Menschen erreichen, und wir können etwas Substanzielles sagen. Zugegeben, die meisten Filme tun das nicht, sondern liefern nur reine Unterhaltung, um die Leute beschäftigt zu halten. Und niemand will, dass sich das Publikum hinterher unwohl fühlt, der Eindruck soll sein, dass die Welt wieder in Ordnung ist, die Guten gewonnen haben. Es gibt nicht mehr viele Filme, die verstören oder Fragen offen lassen und einen mit Gedankennahrung vorsorgen, dabei ist das in meinen Augen die einzige Art von Kino, die es wert ist, gemacht zu werden. Wenn ich nur die geringste Chance habe, etwas zu ändern, dann, indem ich Fragen stelle in einem Film, und hoffentlich wird jemand anderer da draußen wütend und bezieht daraus die Energie, die Dinge in Ordnung zu bringen (lacht).

Interview: Kurt Zechner / September 2013

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