Showgirl

Interview mit Chloë Grace Moretz zu Clouds of Sils Maria

In Cannes präsentierte die 17-Jährige Olivier Assayas' neuen Film Clouds of Sils Maria, im Interview spricht sie übers Drehen in Frankreich, über ihre Social-Media-Vorlieben und warum sie Menschen misstraut, die ihre Interviews allzu genau lesen.

SKIP: Du hast in deiner jungen Karriere schon so erstaunlich viele verschiedene Erfahrungen machen dürfen - war dieses Projekt trotzdem nochmal was völlig Neues für dich?

Chloë Grace Moretz: Ja, total! Letztes Jahr war ich ja in der glücklichen Lage, gleich mit zwei französischen Regisseuren hintereinander zu arbeiten: Zuerst mit Gilles Pauquet-Brenner gemeinsam mit Charlize Theron bei Dark Places, und dann gleich darauf mit Olivier bei diesem Film hier. Und es war eine völlig neue Erfahrung: In Hollywood sagt man dir zuerst ganz genau, was man von dir erwartet, und dann wird das noch 1000 Mal geprobt. In Frankreich macht man seine Proben vorab selber und springt dann beim Dreh quasi ins kalte Wasser, es gibt maximal ein bisschen konstruktive Kritik. Amerikanische Regisseure wollen streng führen und dich ganz in ihre Ideenwelt reinzwingen. Wahrscheinlich weil das ein bisschen unsere Mentalität ist (lacht). Die Franzosen sind da entspannter, die lassen dich einfach dein Ding machen und wollen lieber diesen großen Tanz sehen, den quasi alle miteinander aufführen. Das ist sehr aufregend und fühlt sich sehr echt an.

SKIP: Wie leicht oder schwer war es eigentlich für dich, eine Schauspielerin zu spielen?

Chloë Grace Moretz: Einerseits bin ich ganz anders als Jo-Ann Ellis, meine Filmfigur. Ich würde mich zum Beispiel nie in einem Club komplett wegschmeißen und auf allen Vieren hinauskriechen. Ich bin jetzt doch schon eine Zeitlang in diesem Business und weiß ziemlich genau, was ich machen muss, um nicht Opfer meines Erfolgs zu werden. Ich habe aber ehrlich gesagt auch gar nicht das Bedürfnis, jetzt noch zum wilden Partygirl zu werden. Andererseits war es auch relativ einfach, in diese Rolle zu finden, weil mir die Welt von Jo-Ann naturgemäß recht vertraut ist.

SKIP: Das Lustige an deiner Filmfigur ist ja, dass sie in jeder Szene, die sie im Film hat, völlig anders aussieht und gestylt ist.

Chloë Grace Moretz: Ja, das haben wir absichtlich so offensichtlich gemacht, um noch ein bisschen stärker zu betonen, wie verloren sie eigentlich ist. Sie ist nicht gerade in gefestigten Verhältnissen aufgewachsen, war in einer Beziehung mit einem älteren Mann, sie hat begonnen, zu trinken und Drogen zu nehmen – und ist vor allem anderen ein verwirrtes, junges Mädchen. Solche Biografien sehen wir in dem Business ja so häufig: sehr junge Leute, die keine richtige Familie haben, tolle Leistungen abliefern, als große Hoffnung gehandelt werden – und dann mit den Erwartungen an sich nicht umgehen können.

SKIP: Aber den Star-Zirkus, den kennst du selber sehr gut, nicht wahr?

Chloë Grace Moretz: Ja, durchaus. In der Filmindustrie geht es ja fast gar nicht mehr um die Schauspielerei, mittlerweile ist das alles ein einziges Celebrity-Roter-Teppich-Schaulaufen. Und das Traurige ist, man kann sich nicht mal groß beschweren. Weil wenn man heute Schauspielerin werden will, dann weiß man ja, worauf man sich einlässt. Man weiß im Vorhinein, wie die Leute permanent versuchen werden, in dein Leben einzudringen. Dass du dir oft verrückt vorkommen wirst, weil jeder fast alles über dich weiß. Oft treffe ich jemanden und denke: "Wow, der ist wirklich cool, wir haben so viel gemeinsam!" - und dann stelle ich fest, dass er einfach meine Interviews aufmerksam gelesen und sich danach gerichtet hat. Das ist doch supercrazy! "Ah, deshalb mögen wir die gleichen Bands - weil du eine Liste mit meinen Lieblingssongs gesehen hast!!" Genau deshalb ziehe ich es vor, dieselben besten Freunde seit meinem 6. Lebensjahr zu haben. Ich versuche, mein Leben so klein und überschaubar wie möglich zu halten. Es gibt auf dieser Welt anscheinend echt nicht so viele Leute, die halbwegs normal sind (lacht).

SKIP: Trotz allem bist du in den Social Media recht aktiv - hast du Leute, die das für dich machen?

Chloë Grace Moretz: Nein, das fände ich wirklich furchtbar. Ich werde oft von Studios gefragt: "Hey, können wir dein Twitter-Passwort haben, damit wir Promo posten können, wann immer wir wollen?" Sicher nicht! Wenn ich schon gezwungen bin, Social Media zu machen, dann will ich wenigstens, dass das halbwegs ok ist. Außerdem bin ich selber immer ganz stolz, wenn meine Idole, denen ich folge, mich retweeten wie z. B. Beyoncé. Also warum soll ich Fangirl diese Freude nicht an meine Fans weitergeben?

SKIP: Wenn du dem Filmstar-Zirkus entkommen willst, könntest du es doch am Theater versuchen?

Chloë Grace Moretz: Hab ich gemacht, Anfang des Jahres! War auch echt super. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich realisiert habe, dass genau die Leute, die mich sonst stalken, jeden Tag ins Theater kommen und jeden Abend in den ersten zwei Reihen sitzen. Ich meine, ich spiele eine Frau, die heult, weil im Stück ihre beste Freundin stirbt, und auf einmal brüllt einer im Publikum: "Ich liebe dich, Chloë!" Das ist dann doch etwas peinlich. Ich mein, wenn er mich schon nicht als Schauspielerin respektiert, dann sollte er wenigstens an die 100 Dollar denken, die er für den Sitzplatz bezahlt hat.

SKIP: Du drehst einen Film nach dem anderen - gehst du eigentlich irgendwann auch in die Schule?

Chloë Grace Moretz: Nein, ich habe Hausunterricht. Schon seit ich neun bin. Und nach diesem Schuljahr bin ich überhaupt fertig!

SKIP: Was machst du dann, gehst du aufs College?

Chloë Grace Moretz: Erst mal will ich herausfinden, wie es ist, Schauspieler zu sein und nicht jeden Tag auch Schule haben zu müssen am Set. Diese Erfahrung kenne ich noch nicht, ich hatte IMMER Schule beim Drehen. Vom Dreh einfach in den Trailer zurückgehen und nicht lernen müssen? Das wird sicher seltsam. Und ja, irgendwann möchte ich auch aufs College gehen. Überhaupt möchte ich jetzt mal erleben, wie es sich anfühlt, ein junger Erwachsener zu sein. Auch rausfinden, wie es ist, nur auf sich selbst angewiesen zu sein. Ich habe mich mein ganzes Leben lang auf andere verlassen.

SKIP: Ist es in Hollywood eigentlich schwerer als in der "normalen Welt", sich als Erwachsener zu fühlen?

Chloë Grace Moretz: Nein, es ist sogar leichter, weil es drängen dich ja alle, erwachsen zu werden. Leute sagen dir: "Geh aus, mach Party!" Oder sie wollen, dass ich alle Entscheidungen treffe, ohne meine Mutter zu fragen. Ich erkläre dann immer recht geduldig: "Hey, diese Frau ist meine Managerin, die macht das ganze Business für mich. Redet mit ihr!" Ich habe gerne meine Familie um mich, schon einfach deshalb, weil ich weiß, dass es denen nicht ums Geld geht und sie mich nie belügen würden. Für meine Familie bin ich nie einfach nur ihr Job.

Interview: Kurt Zechner / Mai 2014

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