Spinnefeind

Interview mit Willem Dafoe zu Spider-Man

Wer einen Freak braucht, ruft Willem an. Ob als irrer Terrorist (Speed 2), Jesus (Die letzte Versuchung Christi) oder Spider-Mans schlimmster Feind, der Grüne Kobold – Dafoe ist der faszinierendste Schwierige Hollywoods. Exklusiv-Interview von Gini Brenner.

SKIP: Wie fühlt sich das an, wenn einer der bekanntesten Comic-Superbösewichter plötzlich so aussieht wie man selbst?

Willem Dafoe: Großartig. Ich finde das wirklich sehr erheiternd. Als ich die Maske des Grünen Kobolds zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: "Hey ... der Typ kommt mir irgendwie bekannt vor!" (lacht)

SKIP: Was hat dich an der Rolle am meisten fasziniert? War es die Dualität zwischen dem Industriellen Norman Osborn und seinem Alter Ego, dem Goblin?

Willem Dafoe: Nein, eigentlich nicht. Das, was mich gereizt hat, war schlicht und einfach die Action. Und dass ich hier die Möglichkeit hatte, Comedy und Drama auf sehr interessante Art zu mischen. Ja, und natürlich der Riesen-Hype um Spider-Man. Da wollte ich einfach dabei sein (lacht)!

SKIP: Du hast fast alle Stunts selber gemacht. Wieso das?

Willem Dafoe: Ich liebe die Gefahr. Risiko reizt mich – und ich mag es, wenn sich was rührt. Außerdem sind ja auch die Action-Szenen wesentliche Bestandteile meiner Rolle, ich denke, es wirkt einfach glaubwürdiger, wenn da immer derselbe Mensch im Anzug steckt. Auch wenn man das Gesicht vielleicht nicht sieht – es ist eine Frage der Haltung und des Bewegungsrhythmus'. Es gab einen einzigen Grund, warum ich einzelne Stunts an die Experten übergab: Wenn ich fand, dass sie Fähigkeiten erforderten, die ich nicht habe. Wenn's wirklich zu gefährlich wurde.

SKIP: Als Grüner Kobold hast du extrem viel Wut in dir, die sich auf äußerst destruktive Weise manifestiert. Wie gehst du persönlich mit Wut und Ärger um?

Willem Dafoe: Nun, natürlich trage ich viel Wut in mir – wie jeder vernünftige Mensch. Versteh mich nicht falsch – das Leben ist wunderbar!! (lacht) Früher hatte ich oft Probleme mit meinem Stress-Management, aber seit einigen Jahren habe ich gelernt, damit umzugehen.

SKIP: Wie?

Willem Dafoe: Ich praktiziere Yoga.

SKIP: Und das hilft?

Willem Dafoe: Oh ja. Es verändert so ziemlich alles.

SKIP: Regisseur Sam Raimi erzählte, dass du trotz aller Yoga-Friedlichkeit regelrecht um die Rolle als Grüner Kobold gekämpft hast.

Willem Dafoe: Ja, stimmt. Das Studio hatte erst jede Menge anderer Typen auf der Liste – John Malkovich, Nicolas Cage, die üblichen Verdächtigen halt (lacht). Ich schlug vor, einen Screen-Test zu machen. Das Problem war nur, dass ich gerade zu der Zeit in Spanien war. Also setzten die jemanden mit ein paar Textblättern und einer Videokamera ins Flugzeug, und wir drehten die Szenen nachts in der Lobby meines Hotels! Fast wie bei einer Independent-Produktion (lacht). Aber es funktionierte, ein paar Tage später hatte ich die Rolle.

SKIP: Warum wirst du eigentlich so oft als Bösewicht gecastet? Manifestiert sich da deine dunkle Seite?

Willem Dafoe: (lacht) Ich frage mich das auch oft. Bin ich das, der sich für diese Rollen interessiert, oder sind es die Rollen, die sich für mich interessieren? Beides, wahrscheinlich. Allerdings sehe ich diese Figuren weniger als Bösewichte, sondern eher als Außenseiter. Ich bin fasziniert von Charakteren, die ihr eigenes Moral-System haben, nicht das von einer Gesellschaft vorgeschriebene. Ich mag subversive Charaktere. Aber das ist auch ein gutes Training für den zwischenmenschlichen Umgang: Durch diese Arbeit lerne ich, Mitgefühl für Menschen zu entwickeln, denen normalerweise kein Mitgefühl entgegengebracht wird.

SKIP: Gibt es irgendwelche Rollen, die du unbedingt noch spielen willst?

Willem Dafoe: Weißt du, ich denke genau andersrum: Wenn ich mir eine Rolle vorstelle, die ich spielen möchte, werde ich misstrauisch. Es ist nämlich so: Wenn man etwas unbedingt tun möchte, dann weiß man ganz im Inneren, dass man es auch wirklich tun kann. Und wenn ich etwas mache, von dem ich im vornhinein weiß, dass ich es ohnehin kann – das ist mir auf Dauer zu uninteressant. In einem kreativen Job wie meinem braucht man echte Herausforderungen.

SKIP: Also anders gefragt: vor welcher Rolle hättest du am meisten Angst?

Willem Dafoe: Hmm ... einen ganz eindimensionalen Bösewicht spielen zu müssen. Daran würde ich wahrscheinlich gnadenlos scheitern.

Interview: April 2002

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