Zeichnen mit Pferdestärken

Interview mit Kelly AsburyLorna Cook zu Spirit - Der wilde Mustang

Ein Animationsfilm besteht nicht nur aus bunten Bildern. Kelly Asbury und Lorna Cook, die Regisseure von Spirit - Der wilde Mustang erzählten Peter Krobath beim Festival in Cannes, was alles geschehen muss, bevor ein Pferd die Geschichte des Wilden Westens erzählen kann.

SKIP: Ihr beide gehört zum Kreis der ehemaligen Disney- Animations-Experten, die Jeffrey Katzenbergs Ruf gefolgt sind, als er das Studio DreamWorks gründete. Was ist so besonders an diesem Produzenten?

Lorna Cook: Jeffrey hat eine Vision in seiner Arbeit. Er will, dass das Genre des Animationsfilmes sein Babysitter-Image verliert und endlich wie eine eigenständige cineastische Kunstform betrachtet wird. In seinen Augen darf es keine Unterschiede zwischen Animation und Live-Action geben. Beides ist Kino.

SKIP: Welchen Job die Zeichner in einem Zeichentrickfilm leisten, ist klar. Aber was tun die Regisseure in so einem Projekt?

Lorna Cook: Der Regisseur muss all die verschiedenen Abteilungen unter einen Hut bringen. Die Arbeit an einem abendfüllenden Animationsfilm dauert extrem lange, im Falle von Spirit - Der wilde Mustang waren es fünf Jahre - da fallen jede Menge Fragen an, und der Regisseur muss sie alle beantworten können. Das ist kein leichter Job, aber er macht unglaublich viel Spaß.

Kelly Asbury: Außerdem muss der Regisseur darauf achten, dass die Ideen der verschiedenen Zeichner am Ende auch wirklich eine große Einheit ergeben. Die Zeichner können sich um die Details kümmern, der Regisseur muss das Endergebnis im Kopf behalten.

SKIP: Es ist also nicht so, dass sich die Regisseure die Bilder ausdenken, die ihre Zeichner dann auszuführen haben?

Kelly Asbury: Teilweise stimmt das sogar. Aber das passiert meistens schon während der Arbeit am Drehbuch. Diese Phase ist besonders heikel und langwierig. Bei Spirit - Der wilde Mustang hat es drei Jahre gedauert, bis wir endlich mit dem Skript zufrieden waren. Denn in einem Drehbuch für einen Zeichentrickfilm muss man nicht nur die Geschichte finden, sondern überdies auch alle Informationen, die die Zeichner brauchen.

Lorna Cook: Was denkt die Figur? Wie fühlt sie sich in dieser Szene? Wo könnte die Kamera stehen? Jeder Zeichner braucht Dutzender solcher Informationen, bevor er auch nur mit einem einzigen Bild beginnen kann.

SKIP: Wie fällt die Entscheidung, wer was zeichnet?

Lorna Cook: Das funktioniert wie jedes Casting auch. Unsere Zeichner bewerben sich für den Job, liefern Muster ab, und wir entscheiden uns, welcher Stil am Besten zu welcher Figur passt.

SKIP: In Spirit - Der wilde Mustang wird ein großer Teil der Geschichte über die Musik von Bryan Adams erzählt. Wie funktioniert so eine Zusammenarbeit?

Kelly Asbury: Ich habe Bryan Adams erklärt, dass es falsch wäre, wenn seine Songs nur das nacherzählen, was ohnehin auf der Leinwand zu sehen ist. Da sollte mehr sein. Ich wollte eine zusätzliche Gefühlseben haben, auf der man die Zuschauer direkt ansprechen kann. Bryan Adams hat großartige Arbeit geleistet. Seine Songs sind das Herz unseres Films.

SKIP: Welche Western waren das Pflichtprogramm vor Spirit - Der wilde Mustang?

Kelly Asbury: Von Pflicht kann man da gar nicht sprechen. Ich liebe Western. Die Stimmung in Spirit - Der wilde Mustang sollte eine Mischung aus den Klassikern von John Ford und den Spätwestern von Kevin Costner und Clint Eastwood sein. Und natürlich kommt das besondere Element unserer Geschichte dazu: Wir zeigen den Mythos von der Eroberung des Wilden Westens aus der Sicht der Tiere, die damals lebten. Was dachten die, als plötzlich so viele dieser seltsamen Zweibeiner in ihr Land eindrangen?

SKIP: Es gehört zur Erfolgsgeschichte des modernen Animationsfilms, dass der Held von komischen kleinen Gefährten unterstützt wird, die Humor und Speed in die Handlung bringen. Warum wurde in Spirit - Der wilde Mustang auf dieses Hilfsmittel verzichtet?

Lorna Cook: Wir wollten in unserer Geschichte keine Timons und Pumbaas haben, weil wir damit doch nur alte Erfolgsrezepte kopiert hätten. Spirit - Der wilde Mustang sollte keinKönig der Löwen mit Pferden werden. Wir wollten ein Original schaffen, die Geschichte neu und auf unsere Weise erzählen. Das war eine große Herausforderung, der wir nur uns deshalb stellen konnten, weil wir einen erstklassigen Hauptdarsteller hatten. Der Mustang Spirit ist in jeder Szene des Films zu sehen. Diese Belastung kannst du wirklich nur einer Zeichentrickfigur aufbürden. Ein Mensch hätte schon nach den ersten zwei Wochen gekündigt.

Interview: PK / Mai 2002

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