Roman ist ein Genie!

Interview mit Adrien Brody zu Der Pianist

Adrien Brody unterzog sich einer rigorosen Magerkur, um Roman Polanskis Pianist zu werden. Peter Krobath traf den Schauspieler, der so schnell nicht wieder hungern will, zum Interview in Cannes – einen Tag bevor Der Pianist mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

SKIP: Roman Polanski erlebte die Schreckensherrschaft der Nazis als Kind in Polen. Wie wirkte sich dieses Nahverhältnis zum Film auf die Dreharbeiten aus?

Adrien Brody: Als Zeitzeuge konnte er mich mit absoluter Präzision durch die Geschichte führen. Außerdem gibt es viele Parallelen zwischen Roman und Wladyslaw Szpilman, der Titelfigur Der Pianist. Eine davon ist die innerliche Kraft, der unbedingte Drang zum Überleben, der beide auszeichnet. Wenn du mit Roman Polanski arbeitest, kannst du diese unglaubliche Vitalität in jeder Sekunde spüren – und auch seinen genialen Sinn für Humor, den er trotz seiner tragischen Geschichte nie verloren hat.

SKIP: Hat Polanski mit dir über seine persönlichen Erfahrungen gesprochen?

Adrien Brody: Sehr oft. Aber das waren intime Momente, die ich nicht mit der Öffentlichkeit teilen möchte. Er hat mich auf unzählige Details hingewiesen. Dadurch wurde mein Zugang zur Rolle sehr einfach, offen und ehrlich. Es ist beeindruckend, wie viel Roman Polanski über das Leben, über die Stärken und Schwächen der Menschen weiß.

SKIP: Roman Polanski gilt als Regisseur, der am Set noch die kleinste Einzelheit kontrolliert ...

Adrien Brody: Ihm entgeht buchstäblich nichts. Ich habe erlebt, wie er sich wiederholt in den Schlamm geworfen hat, nur um einem Statisten aus der hinteren Reihe zu zeigen, wie ein Mensch umfällt, der sich vor Hunger nicht mehr auf den Beinen halten kann. Und in einer Winterszene hat er persönlich die Eiskristalle auf meinem Mantelkragen verteilt. Immer wieder, in jeder Einstellung aufs Neue. Das sind die kleinen Momente, in denen du ein wahres Genie erkennst.

SKIP: Wie kann man sich als Schauspieler am Ende des Drehtages aus einer derart tragischen Rolle lösen?

Adrien Brody: Meiner Erfahrung nach ist das fast unmöglich. Wenn du so etwas spielst, kannst du nicht abschalten. Ich habe Monate gebraucht, um mich von dieser Rolle zu trennen. Eigentlich steckt die Geschichte heute, als über ein Jahr nach den Dreharbeiten, immer noch in mir. Es war eine extrem schwierige Reise, aber gleichzeitig auch ungemein bereichernd. Dank dieser Rolle bin ich fähig, auch mein eigenes Leben in einer völlig neuen Perspektive zu sehen. Plötzlich wurden mir Dinge wichtig, die vorher kaum zählten.

SKIP: Was kann ein Zuschauer heute von dieser Geschichte lernen?

Adrien Brody: Der Pianist spielt in einer Zeit, in der das Böse im Menschen überdeutlich sichtbar wurde. Aber gleichzeitig erzählen wir auch die Geschichte eines Mannes, der trotz all der schrecklichen Dinge, die ihm umgaben, nie den Willen zum Überleben verlor. Und wir stellen fest, dass es damals auch gute Menschen gab, sogar gute Deutsche, die sich den Befehlen des Regimes nicht willenlos unterworfen haben.

SKIP: Was waren die schrecklichsten Erfahrungen am Set?

Adrien Brody: Ich möchte hier nicht von Erfahrungen sprechen, da ich doch nur ein klitzekleines Bruchstück vom wahren Schrecken dieser Zeit mitbekommen habe. Schließlich bleibt ein Film immer nur ein Film, das wahre Ausmaß des Terrors kann man auch bei derart realistischen Dreharbeiten bestenfalls erahnen. Das Schlimmste für mich war sicher die rigorose Diät, der ich mich unterziehen musste. Meine Figur war am Verhungern, so etwas kannst du nicht spielen, da musst du schon auch so aussehen wie jemand, der knapp vorm Verhungern steht. Ich habe monatelang kaum was gegessen, natürlich unter strenger ärztlicher Aufsicht, sonst hätte ich das sicher nicht durchgestanden.

SKIP: Immerhin waren diese Dreharbeiten so anstrengend, dass du dein nächstes Projekt sofort abgesagt hast ...

Adrien Brody: Das von dir angesprochene Projekt wäre ein Vietnamfilm gewesen, und obwohl ich den Regisseur sehr schätze, musste ich aus zwei Gründen absagen. Erstens wäre der Film genau dort gedreht worden, wo Terrence Malicks Der schmale Grat gedreht wurde, und da wollte ich nicht schon wieder hin ... sechs Monate im australischen Urwald sind genug für ein Schauspielerleben. Und zweitens wollte ich nicht schon wieder hungern müssen. Ich wusste, dass ich nicht wieder für einen Film abmagern würde, das stand außer Diskussion, ganz egal wie viel die mir dafür zahlen.

Interview: Mai 2002

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