Der Tod steht ihm gut

Interview mit Ed Harris zu The Hours - Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Ein Mann stirbt. Mehr braucht Ed Harris nicht, um einem Film seinen Stempel aufzudrücken. Peter Krobath traf einen Schauspieler, der selbst eine kleine Rolle in ein großes Ereignis verwandeln kann.

SKIP:The Hours beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Michael Cunningham und auf Mrs. Dalloway, einem legendären Roman von Virginia Woolf. Haben Sie diese Bücher gelesen?

Ed Harris: Ja, ich kenne beide Bücher. Aber das hat nicht unbedingt etwas mit der Vorbereitung auf meine Rolle zu tun, falls Sie darauf anspielen. Mrs. Dalloway habe ich überhaupt erst während der Dreharbeiten gelesen. Beide Bücher haben mich auf seltsame Weise berührt. Sie haben einen starken Eindruck hinterlassen. Ich kann das auch nicht besser beschreiben, ich kann nur sagen, dass ich diese Lektüre jedem wärmsten ans Herz legen würde.

SKIP: In The Hours spielen Sie einen homosexuellen Dichter, der an AIDS erkrankt ist und sich langsam damit abfindet, dass er dem Tod näher ist als dem Leben. Wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor?

Ed Harris: Auch diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Für einen Schauspieler gibt es viele Wege, die zur Rolle führen. Ein Punkt meiner Vorbereitungen bestand diesmal in einer ausgeprägten Fastenkur. Ich wollte so dünn werden wie nur möglich. Das war wichtig, um auch körperlich auszudrücken, dass sich dieser Mensch wirklich in der letzten Phase seines Lebens befindet, dass er sehr krank ist und bald sterben wird. Natürlich habe ich mich auch mit seiner sexuellen Ausrichtung beschäftigt. Und ich habe viel über zwei enge Freunde von mir nachgedacht, die vor einiger Zeit nach langer schwerer Krankheit gestorben sind. Und ich habe mit Ärzten gesprochen.

SKIP: Sie sprachen vom Tod enger Freunde. Wie sehr ist dieser persönliche Bereich Ihres Lebens in die Rolle eingeflossen?

Ed Harris: Ich fühlte mich ihnen verpflichtet. Ich dachte, dass ich es ihnen schuldig bin, diesen Akt des Abschiednehmens so klar wie möglich zu erzählen. Ich bereite mich immer intensiv auf eine Rolle vor, aber diesmal habe ich darüber hinaus auch eine persönliche Verantwortung gespürt.

SKIP: Wie wichtig ist Ihnen der Rat des Regisseurs, wenn Sie sich auf eine Rolle vorbereiten?

Ed Harris: Der Regisseur kann mir Fragen beantworten, die nicht im Skript stehen. Zum Beispiel weiß ich, dass meine Figur, Richard, homosexuell ist. Aber was bedeutet das? Einen Homosexuellen kann man auf viele verschiedenen Arten spielen. Ich weiß noch, wie ich eines Nachts glaubte, die Figur gefunden zu haben. Sofort rief ich Stephen Daldry an und sprach mit affektierter Tuntenstimme ins Telefon. "Was ist das?", sagte er. "Das ist Richard", sagte ich. "Nein, das ist sicher nicht Richard", sagte er. "Was zum Teufel soll das?"

SKIP: Lassen Sie sich in so einer Situation leicht von den Argumenten des Regisseurs überzeugen?

Ed Harris: Ich hatte dieses Problem noch nie. Und es war auch diesmal kein Problem. Ich habe Stephen ja vor allem deshalb angerufen, weil ich hören wollte, was er dazu zu sagen hat. Das wäre doch völlig absurd, wenn ich da beleidigt reagiert hätte.

SKIP: Um auf Ihre Abmagerungskur zurückzukommen, wie muss man sich das vorstellen?

Ed Harris: Ich weiß nicht mehr, wie viele Wochen ich hungern musste, das habe ich wohl verdrängt, aber glauben Sie mir, noch dünner hätte ich nicht mehr werden können. Jedenfalls war ich froh, dass ich diesen Menschen nicht für mehrere Monate spielen musste. Ich weiß wirklich nicht, ob ich das durchgestanden hätte. So aber war mein Part nur sehr klein, zwei Szenen, und danach durfte ich wieder essen.

SKIP: Immerhin haben Sie diesen kleinen Part so groß gespielt, dass es für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie "Bester Nebendarsteller" reichte. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Ed Harris: Der Oscar hat nichts mit meinem Leben als Schauspieler zu tun, gleichzeitig steht er auch in einer Tradition, der ich nicht ausweichen kann. In einfachen Worten: Der Oscar hat keine Bedeutung für mich - aber wenn ich ihn bekommen sollte, würde ich mich trotzdem freuen. Ich meine, wenn ich schon nominiert bin, würde ich das verdammte Ding auch ganz gerne kriegen. Es wäre doch idiotisch, wenn ich Ihnen jetzt was anderes erzählen würde.

Interview: Februar 2003

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