Osterheiterung

Interview mit Daniel Brühl zu Good Bye Lenin!

Wiedervereinigung funktioniert am besten im Kino: Als Ossi Alex in der Plattenbau-Satire Good Bye Lenin! nahm Wessi Daniel Brühl Gesamtdeutschland im Sturm. Jetzt ist auch Österreich dran. Kurt Zechner gibt Starthilfe.

Daniel Brühl: Sorry, wenn ich etwas verschlafen wirke - wir haben nämlich gestern gefeiert. Den Dreimillionsten Besucher von Good Bye Lenin!. Ein Wahnsinn, wirklich.

SKIP: Hast du auch nur annähernd mit so einem überwältigenden Erfolg gerechnet?

Daniel Brühl: Ich dachte schon, dass der Film gut laufen würde. Aber solche Zahlen hat keiner erwartet. Ich habe mir einen Zettel aufgehoben, auf den wir alle nach Drehschluss unsere Besucher-Prognosen aufgeschrieben haben - und was wir tun würden, wenn wir daneben hauen. Mich hat´s nicht so schwer erwischt, ich muss die anderen nur zum Essen einladen. Aber einer aus dem Team verprach pro 100.000 Besucher, um die er sich verschätzt, eine Flasche Champagner. Er tippte auf 500.000 (lacht).

SKIP: Worin liegt deiner Meinung nach das Geheimnis von Good Bye Lenin!?

Daniel Brühl: Die Emotionalität des Films ist grenzübergreifend - nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen den Generationen. Und außerdem scheinen wir mit der Geschichte absolut einen Nerv getroffen zu haben. Unlängst etwa war ich beim Friseur, und der erzählte mir, er wolle sich "unbedingt diesen Film anschauen, wo der Sohn für die Mutter die DDR wieder aufbaut". Er kannte weder mich noch den Titel des Films - aber die Prämisse allein hat ihn überzeugt.

SKIP: Was hast du selber eigentlich von der DDR und deren Ende mitbekommen?

Daniel Brühl: Erschreckend wenig. Die DDR war für uns weiter weg als z. B. Italien oder Spanien. Ich war gerade mal 11, als die Mauer fiel, und in dem spannenden Jahr bis zur Auflösung der DDR hat uns hauptsächlich die Fussball-WM interessiert (Deutschland wurde 1990 Weltmeister, Anm.). Von der DDR hatten - und haben - wir im Westen ja immer noch ein völlig unzureichendes Bild. Wir denken, dass das "was irgendwie ganz Furchtbares" war, und das wars auch schon wieder. Und jetzt erlebe ich, dass viele junge Leute, nachdem sie unseren Film gesehen haben, auf einmal beginnen, sich mehr für das zu interessieren, was da ein paar Kilometer weiter geschieht. Und die Leute im Osten sind auch begeistert. Es kommt nicht oft vor, dass jemand über sie eine Geschichte erzählt. Regisseur Wolfgang Becker, auch ein Wessi, hat sich extrem in die Materie hineingekniet. Er ist ein totaler Perfektionist und wusste mehr über den DDR-Alltag als die meisten Ossis am Set.

SKIP: Was wurde eigentlich aus dem Kosmonauten Siegmund Jähn - der in Good Bye Lenin! eine denkwürdige Rolle spielt?

Daniel Brühl: Der erste Deutsche im Weltraum ... er lebt jetzt in einem Heim für Kosmonauten in Moskau. Wir fragten ihn, ob er sich in unserem Film nicht selber spielen will, aber offenbar war ihm die Sache nicht sehr geheuer. Also wurde ein Schauspieler in eine echt hammermäßige Siegmund-Jähn-Maske gesteckt.

SKIP: Daniel, du hast ja schon einige viel beachtete Filme gedreht, wie Nichts bereuen oder das weisse rauschen. Jetzt bist du quasi über Nacht vom Insidertipp zum Star avanciert.

Daniel Brühl: Ich wehre mich gegen das Wort "Star". In Deutschland gibt es mittlerweile nur noch Superstars. Aber natürlich freue ich mich total, Good Bye Lenin! ist ein Quantensprung für mich. Und es ist ein saugutes Gefühl, die Amerikaner von der Spitze der Kinocharts zu verdrängen.

SKIP: Wonach suchst du deine Rollen aus?

Daniel Brühl: Ich suche vor allem nach Qualität und Tiefgang. Und gerade bei Komödie bin ich empfindlich. Wir werden zur Zeit ja überfallen mit deutscher Comedy. Das ist der blanke Horror. Der Schuh des Manitu etwa, bei sowas würde ich nie mitspielen. Ich kann da echt nicht lachen drüber.

SKIP: Worüber kannst du lachen?

Daniel Brühl: Über Geschichten, die weitergehend witzig sind. Hintergründiger. Obwohl ich selber auch oft total albern bin (lacht). Monty Python etwa sind für mich unübertroffen. Ich finde auch, dass ihr Österreicher tausendmal witziger seid als wir Deutschen. Ihr nehmt euch nicht so Ernst. Der Film Hundstage etwa - das ist zwar nicht direkt eine Komödie, aber herrlich skurril. Sowas könnte man in Deutschland nie machen.

SKIP: Andererseits ist Österreich das Land, in dem der Musikantenstadl erfunden wurde ...

Daniel Brühl: Echt? Das wusste ich gar nicht. Das ändert natürlich alles (lacht).

Interview: März 2003

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