High Spirit

Interview mit Vincent Cassel zu Blueberry und der Fluch der Dämonen

Vincent Cassel ist sicher der einzige Schauspieler weit und breit, der einen Schamanen in Peru aufsucht, bevor er einen Western in Mexiko dreht. Aber Blueberry und der Fluch der Dämonen ist schließlich auch kein gewöhnlicher Western. Peter Krobath traf den Cowboy aus Paris in Hamburg zum Interview.

SKIP: Wie bist du zum Western gekommen? Warst du schon als Kind ein Fan?

Vincent Cassel: Nein. Sicher habe ich Western geliebt, das tut jeder Bub, aber es war nicht so, dass ich nächtelang davon geträumt hätte, selbst einmal einen zu machen. Das klassische Westerngenre hat mich an Blueberry und der Fluch der Dämonen eigentlich gar nicht so interessiert. Mich hat vor allem der Zugang zum Schamanismus angezogen, die Beschäftigung mit der indianischen Kultur.

SKIP: War Schamanismus schon vor dem Film ein Thema für dich?

Vincent Cassel: Unbedingt. Schon mit Zwanzig habe ich die Bücher von Carlos Castaneda gelesen. Mich hat die Methode fasziniert, wie er die Realität zerlegt und dadurch eine andere Art der Wahrnehmung findet. Als mir Jan Kounen vor sechs Jahren, wir hatten gerade gemeinsam den Film Dobermann gemacht, erzählte, dass er über einen mystischen Western nachdenkt, habe ich ihm meine Bücher von Castaneda geborgt. Damit fing alles an. Jan hat sich eindringlich mit dem Thema beschäftigt, er hielt sich lange im Amazonas-Dschungel von Peru auf. Dort traf er Indianer, die Schamanismus praktizieren, und konnte seine ersten Selbsterfahrungen mit dieser Form der Realität machen. Als er zurückkam, wollte er vom Film nichts mehr wissen. Er fand, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als das Kino. Jan war wie verwandelt. Es dauerte einige Zeit, bis er sich wieder mit seiner Stellung in unserer Welt angefreundet hat.

SKIP: Aber deine Begegnung mit dem Schamanismus ist rein theoretischer Natur. Du kennst das alles nur aus den Büchern von Castaneda.

Vincent Cassel: Nein. Später habe ich Jan auf seinen Reisen nach Peru begleitet. Du musst das richtig verstehen. Da ging es nicht um irgendwelche Freaks, die zugedröhnt im Urwald hocken wollten. Jan hat diese Dinge mit dem Eifer eines Suchenden recherchiert. Er hat im Internet nach Orten gesucht, wo Schamanismus praktiziert wird, und dann ist er dort hingefahren. Zuerst nach Mexiko, dann nach Kolumbien, dann nach Peru, wo er schließlich fündig wurde. Als er zurückkam und mir begeistert erzählte, dass er eine unglaubliche spirituelle Verbindung mit diesen Indianern mitten im Nirgendwo aufgebaut hatte, dachte ich zuerst, jetzt spinnt er völlig. Aber es hat mich interessiert. Ich habe seinen Mut bewundert. Als er mich zum dritten Mal fragte, ob ich mitkommen wollte, habe ich schließlich Ja gesagt. Die ersten beiden Male hatte ich zuviel Angst. So eine schamanische Grenzerfahrung ist kein Kinderspiel. Ich würde das nicht noch einmal machen wollen.

SKIP: Was passiert während dieser Rituale? Was hast du gesehen?

Vincent Cassel: Es sind ähnliche Bilder, wie du sie im Film siehst. Aber solche Bilder können trotzdem immer nur Abbildungen der Erfahrung sein, die Erfahrung selbst können sie unmöglich wiedergeben. Blueberry und der Fluch der Dämonen ist schließlich kein Science-fiction-Western, sondern ein Western, der streckenweise in einer anderen Realität spielt. Ja, es ist schon so, man sieht solche Sachen. Schlangen, die unglaublichsten Muster, Dinge aus der Vergangenheit, die man schon längst vergessen hat. Man sieht sein Unterbewusstsein in all seiner Vielfalt und Komplexität. Es ist wie ein Traum, manchmal aber auch wie ein Alptraum.

SKIP: Du sagst aber, dass man vorsichtig mit diesen Dingen umgehen sollte?

Vincent Cassel: Du brauchst auf jeden Fall einen Schamanen, der dich durch diese Reise begleitet. Alles andere wäre sehr gefährlich. Ich habe das am Anfang auch nicht geglaubt, aber es ist so: Diese Menschen können dich mit ihrem Gesang durch deine Träume führen. Wenn du einmal in dieser anderen Dimension bist, ist der Gesang des Schamanen dein einziger Kontakt zur Realität. Aber auch mit einem Schamanen ist die Sache ziemlich gruselig. Schließlich weißt du nie, welche Dinge du sehen wirst. Und vor allem ob du diese Dinge auch sehen willst. Es ist eine Reise in eine andere Welt.

SKIP: Apropos andere Welt: Ein Film, den du vor sechs Jahren gemacht hast, La Haine, hat mich auf den Geschmack gebracht, französischen Hip Hop zu hören. Dafür bin ich dir noch heute dankbar.

Vincent Cassel: Cool. Ich liebe Hip Hop. Das ist die Musik, mit der ich aufgewachsen ist. Ich mag die Energie, die Power von Hip Hop, selbst wenn das, was die Lines und Rhymes aussagen, oft auch ziemlicher Schwachsinn ist. Mir geht es mehr um die Lebenseinstellung dieser Szene, als um die Texte, ich finde das sehr erfrischend. Plötzlich werden Kids zu Popikonen, obwohl sie in kein einziges Ideal passen, das unsere Gesellschaft vorgibt. Diese Mädchen sind nicht weiß und blond und mager, sie sind schwarz, haben einen dicken Hintern, sagen was sie wollen und werden trotzdem Stars. Es ist die Haltung, die zählt. Das gefällt mir am Hip Hop.

SKIP: Eben hat Steven Soderbergh mit den Dreharbeiten zu Ocean´s Twelve begonnen, der Fortsetzung von Ocean´s Eleven. In diesem Film wirst du neben Stars wie George Clooney, Julia Roberts und Brad Pitt zu sehen sein. Ist das deine Eintrittskarte in die internationale Star-Karriere?

Vincent Cassel: Darüber denke ich gar nicht nach. Mir ist es viel wichtiger, mit den Leuten zu arbeiten, mit denen ich immer schon zusammengearbeitet habe. Regisseure wie Mathieu Kassovitz (mit dem Vincent Cassel die Filme La Haine und Die purpurnen Flüsse gemacht hat, Anm. d. Red.), Caspar Noe (Irréversible) oder Jan Kounen (Dobermann, Blueberry und der Fluch der Dämonen) werden mich wohl mein Leben lang begleiten. Ich betrachte mich als ein Teil der europäischen Kinolandschaft, das ist meine Heimat. Natürlich sind in letzter Zeit einige Angebote aus Hollywood gekommen, aber die wollten immer nur, dass ich den fiesen Typen aus Frankreich spiele. Das ist mir zu fad. Außerdem sind das meistens ziemlich blöde Filme. Aber letztes Jahr in Cannes kam Steven Soderbergh auf mich zu und sagte: "Ich habe einen Job für dich. Wie würde es dir gefallen, den besten Dieb auf der ganzen Welt zu spielen?" Das war natürlich ein ganz anderes Angebot. Da kann man nicht nein sagen. Das hat mich interessiert. Aber ansonsten muss ich nicht unbedingt in Amerika arbeiten. Das europäische Kino hat auch genügend Jobs für mich. Filme wie Blueberry und der Fluch der Dämonen oder Irréversible machen meine Identität als Schauspieler aus. Und übrigens ist Steven Soderbergh auf mich gekommen, weil er Irréversible gesehen hat. Hätte ich nur diesen amerikanischen Schrott gemacht, der mir damals dauernd angeboten wurde, wäre ich ihm sicher nie aufgefallen.

Interview: April 2004

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.