Jedermann in der Unterwelt

Interview mit William H. Macy zu Edmond

Niemand spielt Loser so genial wie Knautschgesicht William H. Macy. Wie er selbst darüber denkt, verriet er in Venedig.

SKIP: In Edmond spielen Sie einen Typen, der anfangs so normal wirkt und der dann doch so leicht in die übelsten Schwierigkeiten kommt.

William H. Macy: Ja, und das Schlimme ist: Solche Männer gibts zu Tausenden in den USA: Weiß, protestantisch, obere Mittelklasse. Wenn die eine Krise erleben, dann implodieren sie einfach. Oder explodieren – wie Edmond. Alle unsere Väter waren so. Egal, was sie gerade durchmachten – fragtest du sie: "Wie gehts dir?" sagten sie immer nur: "Gut, es geht mir gut." Edmond fühlt sich eingesperrt, seine Ehe funktioniert nicht, er sucht nach Liebe und Wahrheit und Ehrlichkeit. Und die sucht er ausgerechnet in Sexshops und Stripclubs, der arme Narr.

SKIP: Warum spielen Sie eigentlich so oft den Loser, der an seiner eigenen Mittelmäßigkeit scheitert?

William H. Macy: Nun, ich werde gecastet (lacht). Ich wünschte, dass ich jetzt sagen könnte, dass ich selber meine Karriere in eine bestimmte Richtung geleitet hätte. Das ist aber ganz und gar nicht so. Ich hebe nur das Telefon ab (lacht).

SKIP: Laufen Sie manchmal Gefahr, sich mit diesen Typen zu identifizieren?

William H. Macy: Das gerade nicht. Aber ganz ganz heimlich – sagen Sie es ja niemandem! – würde ich aus dieser Schiene doch auch gerne mal ausbrechen. Ich will auch mal so richtig Gas geben und das Mädchen kriegen! (lacht)

SKIP: Was hätten Sie denn da so im Hinterkopf?

William H. Macy: Nun, leider beginnt mein Alter mich schön langsam einzuholen. Aber ich würde zu gerne einmal eine Liebeskömödie gemeinsam mit meiner Ehefrau Felicity Huffman drehen. Wir haben schon mal einen TV-Film zusammen gemacht, und ich fand uns großartig zusammen.

SKIP: Sie haben nun schon mehrmals mit Drehbuchautor David Mamet zusammengearbeitet.

William H. Macy: Ja, und es ist jedes Mal wieder ein Hochgenuss. Nach seinen Scripts zu spielen ist, wie wenn man einen Porsche fährt – jede andere Sprache wirkt daneben wie ein billiger Kleinwagen. Es liegt so viel Musik und Rhythmus in seinen Sätzen. Wirklich: es fühlt sich körperlich gut an, sie auszusprechen. Wie wenn man ein Lieblingslied singt.

SKIP: Haben Sie eine eigene Methode, sich in Ihre Rollen zu versetzen?

William H. Macy: Schon, aber das ist nichts Großartiges. Ich finde ja, dass um diese ganze Charakterentwicklung viel zu viel Aufhebens gemacht wird. Dieser "Charakter" ist doch nur Illusion. Wenn im Theater der Vorhang hochgeht und ich stehe da mit Mantel und Krone, weiß jeder im Publikum, dass ich der König bin. Dazu brauche ich weder des Königs Unterwäsche zu tragen noch mir zu überlegen, was der König als 14-jähriger für Probleme hatte.

Interview: September 2005

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