Das Thema war Sucht

Interview mit Sabine Derflinger zu Vollgas

"Wenn du nicht funktionierst, bist du weg." Peter Krobath sprach mit Sabine Derflinger über einen Heimatfilm, der jenseits aller Klischees des Genres liegt.

SKIP: Der Ausgangspunkt zu Vollgas war ein Treatment, das 1998 beim Carl Mayer Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde. Worum ging es da?

Sabine Derflinger: Das Thema war Sucht. Das hat einfach gut zum Fremdenverkehr gepasst. Der Beruf bietet sich an, wenn man beschreiben will, wie Menschen in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten. Mich hat interessiert, diese Welt aus Arbeit, Feiern und Exzessen im Gegensatz zu einer jungen Frau zu stellen, die das Leben aus vollen Zügen genießen will, aber gleichzeitig auch eine Mutterrolle erfüllen muss. Gerade das polarisiert die Zuschauer auch so. Ich habe auf Vollgas die unterschiedlichsten Reaktionen bekommen. Das geht von "Jetzt gemma aber was trinken" bis zu "So einer müsste man das Kind wegnehmen".

SKIP: Aber es geht nicht nur um Alkohol. Du beschreibst auch, wie der Job zur Sucht werden kann.

Sabine Derflinger: Natürlich. Nur Alkohol wäre in diesem Kontext viel zu kurz gegriffen. Das ist ein ganzes System von Abhängigkeiten, beginnend mit dem permanenten Kick durch das viele Arbeiten, dann auf einem Highlevel sein, ewig lang nicht runterkommen, dann über Liebe und Sex nach Nähe suchen, Exzesse ausleben, dann ist die Nacht vorbei und am nächsten Tag geht alles wieder von vorne los, dann bist du eh nur den ganzen Tag damit beschäftigt, einen Fuß vor dem anderen zu setzen ... also für mich ist das ein sehr komplexes System: Das hat nicht nur mit dem Trinken und den Exzessen zu tun, das betrifft auch den Konsum. Es ist ja so, dass die Saisonarbeiter einen Riesenanteil ihrer Kohle wieder im Ort lassen, weil sie soviel einkaufen.

SKIP: Interessant finde ich, dass das, was einen Schiort ausmacht, nämlich das Schifahren, in deiner Beschreibung eines Schiortes überhaupt nicht stattfindet ...

Sabine Derflinger: Weil ich die Menschen beschreibe, die dort arbeiten. Die haben keinen Kopf fürs Schifahren, die wollen Geld verdienen. Das macht das ja auch so bedrückend. Wir kennen diese Orte ja nur vom Urlaub her, blauer Himmel, Pulverschnee, Bergpanorama und alles wunderbar - aber wenn du in so einem Arbeitsprozess bist, dir die Nächte um die Ohren haust und tagsüber hackelst, dann kriegst du das alles ganz anders mit.

SKIP: Ist Vollgas ein Heimatfilm?

Sabine Derflinger: Für mich schon. Immerhin spielt das an einem Platz, wo Heimat verkauft wird, da muss man nur an das ganze Tracht-und-Dirndl-Ambiente denken. Im klassischen Heimatfilm gibt es doch auch diese Geschichten mit den Einheimischen und den Gästen, nur geht das halt meistens anders aus als bei mir. Dort würde die Kellnerin zum Schluß den Touristen kriegen, bei mir will sie ihn gar nicht.

SKIP: Du hast im Tiroler Ort Galtür gedreht. Die Lawinenkatastrophe war überhaupt kein Thema mehr?

Sabine Derflinger: Verschieden. Manche Menschen dort sind schon noch sehr traumatisiert. Aber in dem Hotel, wo wir gedreht haben, ist keine Lawine runtergekommen. Das war ein Stück weiter weg, da war niemand persönlich betroffen. Ansonsten ist der Ort davon geprägt, dass die Leute sehr zusammenhalten. Die denken in der Wintersaison vor allem ans Geldverdienen.

SKIP: Du hast während der Saison gedreht?

Sabine Derflinger: Ja, Ende Februar. Wenn wir um Mitternacht in der Hotelbar drehen wollten, mussten wir halt warten, bis die letzten Gäste ausgetrunken hatten. Das war so ein Familienbetrieb, und der junge Hotelbesitzer hat sich eben für uns interessiert. Das waren liebe Leute, die haben sehr schnell gesehen, dass wir unter ähnlich anstrengenden Bedingungen arbeiten wie sie. Dass wir auch viel Stress aushalten, das hat ihnen schon imponiert.

SKIP: Und dass du nicht eben die heile Welt des Fremdenverkehrs zeigt, hat auch nicht weiter gestört?

Sabine Derflinger: Im Gegenteil. Im Film gibt es den Satz: "Wenn du nicht funktionierst, bist du weg." Als der Hotelbesitzer das hörte, war er gleich dreimal so freundlich wie vorher, so begeistert war er, dass wir uns das zu zeigen trauen. Ich glaube, dass man die Leute in dieser Beziehung auch ein bisschen unterschätzt. Gut, es gibt andere Orte in Tirol, da hätten wir das nie drehen dürfen. Die wollen diese Seite überhaupt nicht berührt haben. Aber auf der anderen Seite gibt es auch sehr viele Leute im Fremdenverkehr, die sehr wohl wollen, dass man die Dinge so erzählt, wie sie sind.

Interview: Februar 2002

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