Sister Act

Interview mit Meryl Streep zu Glaubensfrage

Klosterfrau Gewissensgeist. Im fesselnden Kirchenkrimi Glaubensfrage tritt Lieblingsschauspielerin Meryl Streep als charakterstarke Nonne zum Psycho-Duell gegen Philip Seymour Hoffman an. Beim SKIP-Exklusivinterview in Paris gab sie sich weit weniger kämpferisch.

SKIP: Der Zweifel ist eines der Hauptmotive in Glaubensfrage. Woran zweifeln Sie persönlich?

Meryl Streep: Hauptsächlich: Was wird morgen wohl passieren? (lacht) Ich bin ständig neugierig darauf, was kommt. Neugierde ist eines der wichtigsten Dinge für einen Schauspieler, für jeden Menschen. Die muss man sich bewahren. Eine weitere wichtige Funktion des Zweifelns ist, dass man Dinge prinzipiell nicht so als gegeben hinnimmt, wie sie scheinen – man sollte immer und überall einen genaueren Blick riskieren.

SKIP: Zweifeln Sie auch an Ihrer eigenen Arbeit?

Meryl Streep: Natürlich tu ich das.

SKIP: Bei manchen Ihrer Kollegen geht das so weit, dass sie sich nicht mal ihre eigenen Filme anschauen können.

Meryl Streep: Ich sehe mir gerne meine Filme an, zumindest einmal, danach nicht mehr. Das betrachte ich als große Belohnung. Ich bin längst über den Punkt hinweg, wo ich mir denke: Oh, da schaue ich so alt oder hässlich oder sonst was aus. Das zu überwinden, war eine der großartigsten Errungenschaften für mich (lacht). Heute bin ich wirklich glücklich mit meinem Körper, meinem Leben und mit mir.

SKIP: Ihre Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin hat Sie sicher nicht unglücklicher gemacht …

Meryl Streep: Meine Nominierung ist ja nur eine von insgesamt fünf! Das ist großartig, natürlich freue ich mich total! (strahlt)

SKIP: Eine davon ging auch an Philip Seymour Hoffman, Ihren Gegenspieler in Glaubensfrage. Regisseur John Patrick Shanley hat uns erzählt, dass es beim Dreh zwischen Ihnen beiden fast wie bei einem Gladiatorenkampf zuging, einem Duell der Superschauspieler. War das wirklich so?

Meryl Streep: Ach, das ist Blödsinn. John wird schnell langweilig, und dann erfindet er solche Slogans. Und ich muss das dann ausbaden (lacht). In Wirklichkeit war ich weit entfernt von irgendwelchen Gladiatorenkämpfen, ich habe nämlich die ganze Zeit gestrickt. Und ich hab es auch Amy (Adams, ebenfalls oscarnominiert, Anm.) beigebracht. Den Schal, den ich im Film trage, habe ich selbst gestrickt, und das dauert eine Weile. John fühlte sich wohl irgendwann ausgeschlossen vom Kreis der Strickerinnen und erfindet deshalb jetzt diese Räubergeschichten (lacht).

SKIP: Also fast wie im Film: Einer erzählt eine Geschichte, der andere erzählt sie komplett anders …

Meryl Streep: Genau! Und am Ende gewinnt die Version, die der Mann erzählt! (lacht)

SKIP: Apropos – der Konflikt in Glaubensfrage ist ja durchaus auch einer zwischen den Geschlechtern. Die Nonnen leben relativ trist und asketisch, die Männer hingegen haben Spaß miteinander, trinken, rauchen ... Halten Sie Ihre Figur für eine Feministin?

Meryl Streep: Ich weiß nicht. Sie ist definitiv ein Produkt ihrer Zeit, und ein Produkt der unerbittlichen Hierarchie einer Organisation, in der sie niemals an die Spitze kommen kann, egal, wie gut sie ist. Sie wird immer weniger als die Männer wert sein. Sehr viele Religionen haben diese Anlage. Andererseits ist das enthaltsame Leben der Nonnen sicher näher bei der ursprünglichen Idee der katholischen Kirche, laut der Leid und Entsagung dich näher zu Gott bringen. Diese Nonnen sind deshalb aber nicht zwangsläufig unglücklich. Ich habe mich mit einigen Nonnen getroffen, als ich mich auf diese Rolle vorbereitet habe. Und das sind definitiv keine unglücklichen Frauen, sondern durchwegs hochmotivierte, sehr interessante Persönlichkeiten. Außerdem sorgen sie, egal was man von Religion, Klöstern und Nonnen halten mag, immer noch für die beste Ausbildung. Die schlauesten Leute, die ich in New York kenne, gingen alle in katholische Schulen (lacht).

SKIP: Glaubensfrage wirft schwierige Fragen auf: Ihre Figur verdächtigt jemanden eines schrecklichen Verbrechens – ohne Beweise, nur aus ihrem Gefühl heraus. Ist das nicht eine gefährliche Message, eine Einladung zur „Hexenjagd“?

Meryl Streep: Ja und nein. Wir treffen viel mehr Entscheidungen auf Basis von Intuition, als wir uns zugestehen. Ich denke nicht, dass das generell schlecht ist. Ich habe einen Freund, der arbeitet im Sicherheitsgewerbe, er kümmert sich darum, Stalker von Celebrities fernzuhalten, aber auch darum, Gewalt in Partnerschaften zu verhindern. Er hat ein sehr gutes Buch geschrieben, The Gift of Fear (dt. Titel: Mut zur Angst. Wie Intuition uns vor Gewalt schützt von Gavin de Becker, Anm.) Seine Message an Frauen ist: „Wenn du das Gefühl hast, nicht sicher zu sein, dann hast du vielleicht recht.“ Man sollte also diesem Gefühl vertrauen. Ich finde es prinzipiell natürlich, dass menschliche Wesen Sensoren haben, die immer auf Alarm stehen, basierend auf Erfahrungswerten, Erlebnissen und wohl auch auf uralten Erinnerungen, die irgendwo in unserer DNA schlummern. Aber ich denke selbstverständlich auch, dass diese Signale immer mit sehr viel Sorgfalt und eben auch Zweifel gelesen werden sollen.

SKIP: Der Film sagt ja quasi „Du musst auch deine Zweifel anzweifeln“ ...

Meryl Streep: Ja, sicher. Darüberhinaus sagt er auch, dass man nie vergessen sollte, Mensch zu bleiben. Und hinter das Vordergründige zu schauen. Menschen sind einfach ein großes Durcheinander, wir sind alle sehr kompliziert. Wir sind schwierig, widersprüchlich und wirr. Aber das ist auch das Faszinierende am Mensch-Sein. Es ist nichts eindeutig. Es gibt immer Argument und Gegenargument. Deshalb mag ich Glaubensfrage sehr gern, weil es in diesem Film genau darum geht. Aber gleichzeitig mag ich auch so Sachen wie Mamma Mia!, in dem sich alles nur darum dreht, ohne viele Zweifel eine gute Zeit zu haben (lacht).

SKIP: Das letzte Mal haben Sie uns erzählt, Ihre Kinder würden vor Scham nach Alaska auswandern, sobald sie Mamma Mia! sehen ...

Meryl Streep: Tja, was soll ich sagen – sie sind immer noch da, alle vier (lacht).

Interview: Kurt Zechner / Januar 2009

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