Seitenwechsel

Interview mit Steve Buscemi zu John Rabe

Geschichte wird gemacht: In John Rabe gibt der wundervolle Steve Buscemi einmal nicht den neurotischen Loser, sondern einen heldenhaften Chefarzt. SKIP traf den ­Neo-Hero zum Exklusiv-Talk in Berlin.

SKIP: John Rabe entstand nach einer wahren Geschichte. Wieviel wussten Sie über das Nanking-Massaker?

Steve Buscemi: Ich hatte keine Ahnung vom Ausmaß der Gräuel, die in Nanking passiert sind, und wusste auch nichts von den involvierten Personen. Der Film war also sehr lehrreich für mich. Ich habe aber meinen Sohn danach gefragt, und der hatte schon davon gehört. Heute wird in den Schulen viel mehr über diese Zeit gesprochen als früher, trotzdem gibt es so vieles, was im Dunkel der Geschichte zu versinken droht. Schon allein deshalb halte ich Filme wie diesen für sehr wichtig: Damit diese Dinge nicht vergessen werden.

SKIP: Der Film thematisiert selbstloses Heldentum, Sie selbst haben einmal als Feuerwehrmann gearbeitet. Können Sie da Parallelen ziehen?

Steve Buscemi: Bei jeder Figur, die ich spiele, steckt so viel wie möglich von mir selbst drin – denn das ist alles, was ich habe. Ich hab ja nur mich (lacht). Aber wer bei der Feuerwehr arbeitet, würde sich selbst niemals als Held bezeichnen. Das trifft zumindest auf alle Feuerwehrmänner zu, die ich kenne. Für die ist das einfach ihr Job. Wenn sich einer als großer Held fühlt, dann stimmt garantiert irgendetwas nicht (lacht).

SKIP: Sie wirken stets sehr charmant und freundlich. Warum geben Ihnen Regisseure so oft Rollen als Krimineller oder Psychopath?

Steve Buscemi: Naja, immer bin ich ja auch nicht Krimineller oder Psychopath. Manche der Filme, in denen ich einen Bösewicht spiele, wurden halt sehr bekannt. Außerdem macht es am meisten Spaß, den Bösen zu spielen (grinst)! Das ist vielleicht das Schönste an meinem Beruf: Ich muss meine persönlichen Abgründe nicht im richtigen Leben ergründen, ich kann das vor der Kamera tun.

SKIP: Sie sind ganz schön beschäftigt derzeit, erst kürzlich waren Sie neben Sienna Miller in Interview zu sehen, auf der Berlinale präsentierten Sie gleich drei Filme …

Steve Buscemi: Ja, ich habe momentan Glück, so viele tolle Angebote zu bekommen! Gerade über John Rabe habe ich mich wirklich sehr gefreut, dieser idealistische Arzt ist eine Art von Figur, die ich noch nie zuvor gespielt habe. Und die Zusammenarbeit mit diesem internationalen Cast, in China, mit Chinesen, Deutschen, Franzosen, Japanern – das war echt aufregend!

SKIP: Sie leben in New York, nicht in Hollywood. Gibt es da eine richtige Community von Schauspielern und Regisseuren?

Steve Buscemi: Ja, es gibt da eine echte Clique von Filmleuten – so Typen wie Stanley Tucci, John Turturro, Aidan Quinn, Tom DeCillo. Wir unterstützen einander und sind interessiert an der Arbeit der anderen. Es ist schön, wenn man Leute hat, mit denen man sich über seine Arbeit austauschen kann – und mit denen man sich auch privat gut versteht.

SKIP: Von außen wirkt es, als wäre die Arbeit jener, die etwas abseits von Hollywood arbeiten, kreativer und mutiger …

Steve Buscemi: Ich werfe es niemandem vor, wenn er nach Kalifornien geht, weil es dort einfach mehr Arbeit gibt, denn jeder muss für sich selbst wissen, was das Beste für ihn ist. Und für mich selbst ist es einfach gesünder, in New York zu leben. Hier inspirieren mich so viele Dinge, Kunst, Musik, Theater und einfach der Alltag … Die Leute in der New Yorker U-Bahn zu beobachten, das allein ist schon ganz großes Theater (lacht)! Ich komme immer gern nach New York zurück, obwohl ich auch sehr gerne verreise. New York ist ein toller Ort, um heimzukommen.

Interview: Magdalena Miedl / Februar 2009

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.