Glaubensfrage

Interview mit Jessica Hausner zu Lourdes

Filmwunder geschehen. Mit ihrem dritten Langfilm nach Lovely Rita und Hotel gelang Jessica Hausner, Filmemacherin & Mitbegründerin der Produktionsfirma coop99, ein ganz spezieller Beitrag zum vielzitierten österreichischen Filmwunder. SKIP traf sie in Venedig.

SKIP: Wie sind Sie ausgerechnet auf den französischen Wallfahrtsort Lourdes als Schauplatz Ihres Films gekommen?

Jessica Hausner: Meine Ausgangsbasis war, dass ich einen Film über ein Wunder machen wollte. Bei der Recherche bin ich auch auf Lourdes gekommen, und es hat mich fasziniert, mit welcher Selbstverständlichkeit behauptet wird, dass dort Wunder passieren. Es gibt ein Ärztebüro, in dem sich Leute danach untersuchen lassen, ob sie wirklich durch ein Wunder geheilt worden sind. Die Erwartungshaltung der Leute, die da hinfahren, ist so groß. Das fand ich interessant und irgendwie absurd.

SKIP: Geht es in Lourdes wirklich so zu wie in Ihrem Film? Es wirkt fast so wie ein religiöses Disneyland mit verschiedenen Rides: Kirche, Grotte, Quelle ...

Jessica Hausner: Könnte man fast so sagen (lacht). Die typische Lourdes-Pilgerfahrt dauert vier Tage, und da macht man den ganzen Parcours mit.

SKIP: Wie waren die Dreharbeiten in Lourdes? Wieviel Freiheit hatten Sie dort?

Jessica Hausner: Ich habe vor dem Dreh schon mehrere Recherchereisen gemacht und die Offiziellen kennengelernt. Wie ich aber gesagt habe, dass ich einen Spielfilm machen will, waren sie erst recht skeptisch, und haben mich ein wenig unter die Lupe genommen. Als sie dann allerdings meinen Arthouse-Background gesehen haben und dass meine Filme zum Beispiel schon in Cannes gezeigt worden sind, haben sie den Eindruck gehabt, dass ich mich dem Thema mit einem seriösen Zugang nähern werde. Ich wollte sicher keinen Werbefilm für Lourdes machen, aber auch keine Verarschung. Und das haben die ganz gut verstanden und waren auch sehr kooperativ: Wir haben in der Grotte und in der Kirche Drehzeiten bekommen. Das war logistisch eine ziemliche Herausforderung.

SKIP: Lourdes ist Ihr erster Film, der nicht in Österreich entstanden ist. Wieso haben Sie sich dafür entschieden, in Frankreich und in französischer Sprache zu drehen?

Jessica Hausner: Das resultierte aus der Geschichte – Lourdes war einfach der beste Schauplatz. Und ich habe mit französischen Darstellern gearbeitet, weil die Sprache dort nun mal französisch ist und Sprachkonflikte nicht in meine Geschichte gepasst haben. Außerdem hat mich die Herausforderung gereizt. Ich wollte gerne mit Sylvie Testud arbeiten. Sie wirkt einerseits so fragil, zart und sensibel, strahlt aber auch so eine Willensstärke aus. Sie ist kein Hascherl und kein Opfer. Ich wollte eine Frau in diesem Rollstuhl sitzen haben, von der man das Gefühl hat, dass sie sich keine Illusionen macht.

SKIP: Apropos Rollstuhl - Sie haben sich in der Vorbereitungszeit ja auch viel mit Multiple-Sklerose-Patienten beschäftigt.

Jessica Hausner: Ja, das war einer der interessantesten Aspekte dieser Arbeit – eine Erfahrung, die ich sicher mitnehme in mein ganzes weiteres Leben. Wir haben Selbsthilfegruppen von Multiple-Sklerose-Kranken besucht. Am Anfang ist man da sehr höflich und vorsichtig und behandelt alle wie rohe Eier – bis man dann merkt, dass die genau über die gleichen Sachen reden, über die ich auch rede. Natürlich, die Sorgen sind verschärft, weil es diesen viel schnelleren körperlichen Verfall gibt – aber das ist nichts, was auf einem anderen Planeten spielt. Es sind dieselben Sorgen, die sich jeder macht, denn jeder ist mit dem körperlichen Verfall konfrontiert. Und das hat mir auch ein wenig die Angst genommen davor, dass mir irgendetwas passieren wird. Ich habe mitgekriegt, dass es möglich ist, mit solchen Situationen umzugehen. Es erfordert sehr viel Kraft und Durchhaltevermögen, aber es ist, wie es ist.

SKIP: Sind Sie religiös?

Jessica Hausner: Nicht mehr. Ich war als Jugendliche sehr gläubig, bin auch religiös erzogen worden und besuchte eine katholische Schule – dadurch ist mir die katholische Religion sehr vertraut.

SKIP: Verstehen Sie, wie Menschen auch als Erwachsene religiös sein können?

Jessica Hausner: Ich habe viele Gespräche mit Gläubigen und Geistlichen geführt, weil mich das einfach auch interessiert hat. Kann ein intelligenter Mensch glauben, dass es einen Gott gibt? Und die besten Gespräche waren die mit Leuten, die durchaus Zweifel haben, aber trotzdem den Versuch unternehmen, gläubig zu sein. Ich habe einen Geistlichen gefragt, wie ein Gott z. B. zulassen kann, dass so viele Menschen bei einem Tsunami ums Leben kommen. Und er hat darauf gemeint, das sei eine sehr kurz­sichtige Betrachtung: Am Ende müssen ja sowieso alle sterben.

Interview: Gini Brenner / September 2009

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